Der Lindwurm

„Mama, jetzt hab ich einen Lindwurm“, erklärt mein fünfjähriger Sohn eines Morgens feierlich, als er sich, noch im Schlafanzug, an den Frühstückstisch setzt. „Du hast einen – was?“ „Na einen Lindwurm!“ Zwei grüne Augen schauen mich vorwurfsvoll an. „Daaa, da dada da daa!“ intoniert er. Mein Gehirn, das die optimale Betriebsgeschwindigkeit um 6 Uhr 45 meist noch nicht erreicht hat, durchforstet mühsam diverse Möglichkeiten: Bringt er da was aus der gestern vorgelesenen Rittergeschichte durcheinander? Hat er schlecht geträumt nach der zuletzt geguckten vielleicht nicht ganz altersgerechten DVD? Oder ein neues, besonders abscheuliches Spielzeug, das Geräusche von sich gibt und das ihm ein Kindergartenfreund ausgeliehen hat?

Weil ich anscheinend immer noch sehr begriffsstutzig dreinschaue, setzt er zu einer ausführlicheren Erklärung für geistig besonders minderbemittelte Mütter an: „Na so ein Lied, das geht mir immer so im Kopf rum! Immer!! Das ham wir im Kindergarten gestern gehört!“ Erneut ein vorwurfsvoller Blick. Da fällt es mir wie Schuppen von den Ohren: „Ach so, Du meinst einen OHRWURM!“ Kräftiges Nicken. „Ja, das kenn ich“, sage ich mitfühlend (und muss natürlich schmunzeln, denn „Lindwum“ – wie süß ist DAS denn! )

Ich selbst werde auch pausenlos von Ohrwürmern gequält. Ob es der quäkende, von Dirk Bach intonierte  Käptn Sharky ist, der quietschfidele Ritter Rost oder der leidlich sympatische Drache Kokosnuss – in meinem Gehirn sind ihre Titelmelodien für alle Zeiten abgespeichert. Auch wenn es bei uns natürlich keine akustische „Dauerberieselung“ gibt – aber eine längere Autofahrt genügt oft schon, damit sich so eine Titelmelodie für die nächsten Tage und Nächte im Gehörgang festsetzen kann. Und wenn man einmal  eine Urlaubsfahrt über 800 km in die Toskana vor sich hat, ist man doch zu dem einen oder anderen akustischen Kompromiss bereit.

Parallel zum Alter meiner Kinder entwickelt sich natürlich auch mein Repertoire weiter. Mein Alltag als berufstätige Mutter spielt sich zu den Soundtracks der „Drei Fragezeichen“ und der allgegenwärtigen „Star Wars“-Episoden ab. Nur Benjamin Blümchen habe ich bisher verweigert. Immerhin habe ich es geschafft, ein paar Klassiker aus meinen eigenen Kindertagen einzuführen: Wickie, Signor Rossi und der Rosarote Panther, die Sesamstraße und die Muppet Show – das hatte wenigstens noch Stil! Und ein echtes Highlight auch für Erwachsene ist sind die bayrischen Hörspielkomödien von Dr. Döblingers Kasperltheater.

Immerhin: Die wenigen Momente, die ich dann mit „meiner“ Lieblingsmusik (denn die gibt es zum Glück auch) verbringen kann, genieße ich heute besonders intensiv.

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