Der eingebildete Kranke

Der älteste Sohn hat seit neuestem ein Waveboard. Er ist damit letzten Sonntagabend nach draußen verschwunden mit den knappen Worten: „Ich geh nochmal auf die Spielstraße.“ Recht so, sie werden halt selbständiger. Eine halbe Stunde später kommt ein weinendes Häuflein Elend mit schmerzverzerrtem Gesicht zurück. Der linke Ellenbogen: Vom Wackelbrett gefallen und abgerollt – nun tut es höllisch weh. Wir versuchen, den Arm zu untersuchen, der Patient wehrt sich theatralisch.

Am nächsten Tag dennoch: Erst mal Schule. Denn morgens saß der Sohn, sich unbeobachtet wähnend, am Schreibtisch und hat ohne Beschwerden Strichmännchen gemalt, wobei er sich auf dem schmerzenden Arm problemlos abstützte. Wir beschließen, die Sache zu beobachten. Zwei Tage später, den Arm hält er permanent in einer Schonhaltung, entschuldige ich ihn in der Schule und setze mich mit ihm vormittags fast drei Stunden in ein volles Wartezimmer einer orthopädischen Praxis. Wir haben altersgemäße Lektüre dabei (die „Drei Fragezeichen“), aber auch nach zwei Stunden weigert sich der Sohn, in dem Buch auch mal selbst zu lesen, anstatt sich die wenigen Bilder darin nur anzuschauen. Stattdessen (in solchen Fällen ist das bei uns erlaubt): Handyspiele – sozusagen bis der Arzt kommt.

Dann endlich: Wir werden aufgerufen! Der Arzt ist Kinderprofi: Mein Sohn darf vormachen, wie es passiert ist und dabei wird klar: Er kann sich ohne Probleme auf dem Arm abstützen. Und nach mehreren Faustschlägen in die Hand des Arztes ist der letzte Zweifel beseitigt: Da kann nichts wehtun. Zur Sicherheit gibt es trotzdem Ultraschall, falls sich irgendwelche Flüssigkeit gebildet hat. Ich versuche, abgeklärt und verstehend zu nicken. Aha, keine Flüssigkeit. Also alle ok! „Das ist wohl doch eher eine imaginäre Krankheit, damit vielleicht ein Eis mehr rausspringt“, konstatiert der Arzt und lächelt freundlich. „Sie haben alles richtig gemacht“, meint er schon fast tröstend, dann gehe ich lächelnd und mich irgendwie bedeppert fühlend aus dem Behandlungszimmer mit meinem Kind.

Mein Sohn hat tatsächlich einfach alle richtig gemacht an diesem Tag: Die Schule geschwänzt, stattdessen vormittags zwei Stunden Handyspiele gemacht, nach dem Arzt direkt zu McDoof, denn das hatte ich ihm im Wartezimmer versprochen, um ihn bei Laune zu halten. Nach dem Schnellimbiss dann noch auf einen Sprung zu Karstadt – um die zwei Euro Taschengeld auf den Kopf zu hauen. Was will man mehr als fast Neunjähriger? Nur dumm, dass morgen wieder Schule ist…

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