Der Sprung ins kalte Wasser

Es ist wieder Schwimmkurs, wie jeden Dienstagnachmittag. Die Kinder sollen alle vom Dreimeterturm springen. Ich liege am Beckenrand auf der Liege und dämmere vor mich hin. Gerade in dem Augenblick, als ich die Augen öffne, realisiere ich, dass da eben der Freund meines Ältesten vom Dreier gehüpft ist. Wo ist mein Sohn? Er steht lässig am Beckenrand und ruft seinem Freund etwas zu, als der aus dem Wasser klettert.

Einer nach dem anderen springen sie – ich erinnere mich noch gut daran, als ich selbst das Bronzeschwimmabzeichen gemacht habe und deshalb (das einzige Mal in meinem Leben, ich gebe es zu!) meine Angst überwand und in die Tiefe sprang. Von meiner Liege aus verfolge ich gespannt, wie die Kinder mit der Situation umgehen. Manchen springen ganz selbstverständlich, sie sind vielleicht schon öfters vom Dreier gehüpft und genießen es sogar, anderen sieht man an der Körperhaltung und am langen Zögern schon an, wie sehr sie sich überwinden müssen.

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Ich kann mich vor Neugier kaum noch auf der Liege halten: Habe ich den Sprung meines Sohnes nun ausgerechnet verpasst oder ist er etwa als Einzige gar nicht…! Mein Bauchgefühl sagt mir so etwas. Ich kann es sogar irgendwie aus seiner Körperhaltung herauslesen: Zu entspannt, nicht wie einer, der gerade etwas überwunden hat und sich selbst noch darüber wundert.

Am Ende der Stunde, die Kinder hocken im warmen Whirpool, versuche ich ihn so beiläufig wie möglich zu fragen: „Und, der Sprung vom Dreier, wie wars?“ Denn klar: Wenn ich ihm gleich unterstelle, dass er gar nicht gesprungen ist, was ist denn das für eine Message? So nach dem Motto: Ich habs ja gleich gewusst, dass Du kneifst… nein, das geht also auf keinen Fall! Er antwortet knapp, aber ganz selbstverständlich: „Ja, klar bin ich gesprungen. Aber das mach ich nie wieder, ist erledigt.“ Ok, ich beschließe ihm zu glauben, trotz meines Bauchgefühls. Wir sprechen das Thema nicht mehr an und er sagt auch von sich aus nichts darüber. Komisch nur: Als ich damals vom Dreier gesprungen bin, habe ich allen möglichen Leuten davon stolz erzählt.

Drei Wochen später: Selber Ort, selbe Zeit. Die Kinder sollen ihre Schwimmabzeichen heute bekommen beziehungsweise es werden noch Dinge abgeprüft, die offen sind. Bei meinem Sohn ist dies laut Liste des Schwimmlehrers: Zweimal Tieftauchen, 10-Meter-Streckentauchen und – wer hätte es gedacht: Ein Sprung vom Dreier!

Ich bin nicht wütend, nur enttäuscht und traurig: Hat er so wenig Vertrauen zu mir? Und gleichzeitig bin ich geplättet: Mein Bauchgefühl hatte doch recht, obwohl er mir mit einer routinierten Selbstverständlichkeit ins Gesicht gelogen hat, die ihm jeder Fremde abgenommen hätte. Und jetzt? Ich reagiere schnell, ziehe ihn beiseite und sage: „Hör mal, dass Du nicht gesprungen bist ist mir egal. Aber dass Du mich angelogen hast, das ist schlimm, sehr schlimm sogar.“ Schuldbewusster Blick, dann gehts weiter mit dem Schwimmkurs.

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Ich versuche mich innerlich locker zu machen: Egal was jetzt kommt, er muss schließlich selbst damit leben. Ich unterhalte mich mit einer anderen Mutter, achte irgendwann nicht mehr auf die Kinder im Becken und merke gar nicht, dass ein paar von ihnen wieder zum Sprungturm laufen. Und dann sehe ich plötzlich, wie mein nasser Sohn auf mich zurennt, quer durch die ganze Schwimmhalle. Er lacht und winkt mir zu. Ich lache zurück, nicke. Er hat den Sprung ins kalte Wasser gewagt.

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