Lost Highway – Oder: Bitte wenn möglich wenden!

Es stimmt wohl: Die letzten echten Abenteuer auf dieser Welt erlebt man nicht in der Wüste Gobi, dem Amazonas oder auf dem Mount Everest – sondern im eigenen Auto auf dem Weg von A nach B, sofern man ein oder mehrere Navis dabei benutzt. Da schließe ich mich Herrn Buddenbohm gerne an.

Jedenfalls fühlte ich mich exakt so, als ich nach meiner letzten Autotour in das städtische Umland endlich wieder glücklich in die heimische Tiefgarage einfahren konnte. In den rettenden Hafen sozusagen. Meine Reiseroute war zwar ambitioniert, aber eigentlich machbar gewesen: Zum Schulranzen-Outlet betrug die reine Fahrtzeit laut Google Maps exakt 26 Minuten. Vor Ort kalkulierte ich dann maximal eine Stunde Powershopping ein (zwei Schulranzen für meine zwei Schulkinder), länger würden weder ich noch meine Kinder es in einem solchen Geschäft nicht aushalten. Dann wieder rein ins Auto und schnurstracks nach Hause – und damit hätte ich dieses Zeitfenster in den Osterferien optimal ausgenutzt. Denn keine Frage: Den eigenen Schulranzen sollte sich ein Kind schon selbst auswählen, und dazu waren dies eben die optimale Gelegenheit.

Laut meiner etwas sportlichen Planung durfte also kein Fehler passieren, sprich: keinerlei Abweichen von der Route! Im Auto programmierte ich deshalb zunächst das Navi – sicher ist sicher – und wir fuhren los. Es kam, wie es kommen musste: Schon an der ersten Ampel traten erste Interessenskonflikte zwischen meinem Orientierungssinn und der Technik auf. Das Navi schickte mich geradeaus auf die Autobahn, ich hatte mir vorher beim Blick auf Goolgemaps aber die Alternativroute über die Landstraße eingeprägt, und das bedeutet eigentlich rechts abbiegen. Die Einstellung „Autobahn ignorieren“ hatte ich deshalb extra im Navi deaktiviert, dachte ich wenigsten… Sei’s drum. Während die Ampel auf rot stand entschied ich mich für den vermeintlich sicheren Vorschlag der Technik und ließ mich also über die Autobahn und später mit zunehmend mulmigerem Gefühl auch durch ein zersiedeltes Gewerbegebiet „führen“. Der permanente Kontrollblick auf die Uhr verhieß nichts Gutes: In 5 Minuten lief das Zeitfenster für die Anreise ab, aber immer noch tauchten nagelneue Baumärkte und Küchenstudios neben uns auf. Ich gestand mir ein, dass ich jegliche Orientierung verloren hatte und fing an, stumm zu beten. „Wann sind wir da?“ fragten die Kinder. „In fünf Minuten“, flötete ich und umklammerte das Steuer fester.

Doch es kam noch anders: „Demnächst rechts abbiegen“, verhieß die freundliche Frauenstimme. Kurz darauf befahl sie dann: „Jetzt abbiegen!“ Das hätte ich auch gern gemacht, aber anscheinend hatte die Kommune Geld für eine neue Umgehungsstraße übrig gehabt und deshalb eine nagelneue Brückenausfahrt gebaut. Im Rückspiegel sah ich die neu gebaute Ausfahrt langsam kleiner werden – sie führte nach links, da hier nun eine Brücke war. Die frisch geteerte Straße bot leider keine Möglichkeit mehr, abzubiegen. „Bitte wenn möglich wenden“ tönte es umgehend aus dem Navi. Verzweifelt blickte ich durch die Windschutzscheibe auf eine schnurgerade Landstraße, die keinerlei Wendemöglichkeiten bot. „Da hätten wir raus müssen!“ meinten die Kinder zu allem Überfluss von hinten. „Ich weiß, keine Panik, wir schaffen das schon“, antwortete ich mit Panik in der Stimme. „GLEICH sind wir da, seht ihr, da drüben ist schon der Ort, wir müssen nur noch WENDEN.“ Bedrücktes Schweigen von auf der Rückbank – die beiden spürten, dass die Lage ernst war.

Da plötzlich erschien einige Meter vor uns rechts eine kleine Einfahrt zu einem Feldweg. Jetzt oder nie! Ich ergriff kaltblütig die Gelegenheit zu einer nicht verkehrsgerechten Wende. Vor meinem inneren Auge sah ich schon die Schlagzeilen in der Lokalzeitung: „Auf dem Weg zum Schulranzenkauf: Mutter fährt Kinder in den Tod!“ während ich auf eine Verkehrslücke wartete, um wieder auf die Straße zu kommen. Jetzt nur keinen Fehler machen! Als wir schließlich wieder in entgegengesetzter Richtung unterwegs waren kam von hinten sogar Applaus „Super Mama!“. Na bitte.

Die restliche Route bis zum Schulranzenoutlet vertraute ich dann meinem erfahrenen, auf Verkehrsschilder trainierten Autofahrerblick und meinem – ja! – Instinkt. Wir kamen mit einer Toleranzgrenze von 10 Minuten Verspätung in dem Geschäft an und brauchten für den Kauf zweier Schulranzen inklusive Anprobe plus Motivauswahl rekordverdächtige 45 Minuten.

Jetzt hieß es nur noch, den Heimweg antreten. Da ich von meiner Technikgläubigkeit immer noch nicht kuriert war, schaltete ich wieder das Navi an und drückte die „Home“-Taste. Da konnte doch jetzt wohl nichts mehr schiefgehen, oder? Was soll ich sagen – nachdem das Ding uns mehrfach zum Abbiegen aufforderte, obwohl das Verkehrsschild für unsere Zielstadt „geradeaus“ anzeigte, drückte ich auf den „Aus“-Schalter und drehte die Musik lauter. Zum Glück erkannte ich irgendwann die Autobahn von der Hinfahrt wieder. Wir kamen pünktlich zuhause an.

Generell führt die Navi-Nutzung bei meinem Mann und mir zu seltsamem, ehekonfliktförderndem Verhalten: Ich erinnere mich, wie wir eine nur rund 5 km entfernt wohnende Freundin letztlich mit großer Verspätung erreichten, da mein Mann stur das Navi nutzte und damit direkt im Stau hängenblieb, während ich ihn erst freundlich, dann zunehmend unfreundlicher Ratschläge vom Beifahrersitz gab – meine Route wäre ganz klar staufrei gewesen, weil ich mich da eben auskannte. Nie vergessen werden wir wohl beide, wie wir in unserem Umbrienurlaub vor zwei Jahren nachts – auf dem Weg zu unserem Übernachtungshotel auf der Strecke – die richtige Ausfahrt im italienischen Kreisverkehr verpassten und anschließend orientierungslos und fluchend durchs dunkles Vorstadtgewirr irrten: Er am Steuer, ich mit meinem Smartphone in der Hand Kommandos gebend, wir beide schweißgebadet. Diese Szene wiederholte sich in besagtem Urlaub noch mehrmals, da unser Auto-Navi praktischerweise nur deutsche Strecken abgespeichert hat und das Handy meines Mannes zwar ein GPS-Navi, aber dafür nicht immer Empfang hatte. Ich griff dann bei Bedarf zum dritten Gerät, meinem Smartphone, und holte mir bei Googlemaps teuren Rat (ächz, die Roaminggebühren…)

Was soll ich sagen: Ich verlasse mich eher ungern ausschließlich auf das Navi und schaue mir vorher lieber eine Karte an. Denn was man im Kopf hat… In diesem Sinne: Euch allen stets gute Fahrt!

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