Lebenszeichen

Dieses Blog ist nicht tot. Doch wenn es so weitergeht wie in den vergangenen Wochen, dann droht mir selbst das Ende durch Schuljahres- und Kindergartenendphasenterminterrorismus. Seit Tagen geht das nun schon so: Kurz vor den Sommerferien wird nochmal so richtig Gas gegeben. Im Kindergarten, Schule und Hort jagt ein Sommerfest bzw. Abschiedscafé das nächste.

Zahlreiche Abschiedsgeschenke müssen überlegt, organisiert, besorgt, eingepackt und überreicht werden. Das Geldeinsammeln in der Vorphase nicht zu vergessen. Blumensträuße dito. Meinungsverschiedenheiten mit überengagierten Eltern über die Art der Geschenke und den zu beschenkenden Personenkreis eingeschlossen. Ich erinnere mich mit Bauchgrimmen an den sich mehrere Wochen hinziehenden Disput mit einer Mutter aus der Krippengruppe meiner kleinen Tochter, ob denn nun ein- oder gleich zweimal im Jahr für das pädagogische Personal gesammelt werden solle, und wenn ja, ob man einen festen Betrag vorgeben solle oder nicht und so weiter und so fort.

Die Krönung sind selbstverständlich die selbstgestalteten Abschiedgeschenke der ausscheidenden Kindergarten- bzw. Schulkinder. Meine Kinder machen so etwas leider nur auf den letzten Drücker bzw. wenn ich dabei hinter ihnen stehe und pädagogisch äußerst fragwürdige Drohungen ausstoße. (Nun ja, wenn sie dann mal wirklich dabei sind, dann entstehen doch ganz schöne Werke…)

Die Elternschaft teilt sich hier übrigens generell in zwei Lager: Das eine macht grundsätzlich nichts und stellt sich einfach tot, frei nach dem Motto: Wer sich als erster bewegt, der hat verloren. Ich arbeite seit Jahren daran, auch zu dieser schweigenden Mehrheit zu gehören, denn sie sind fein raus und müssen eigentlich nur noch etwas in den Spendenstrumpf stecken. Leider scheine ich aber per se zum zweiten Lager zu gehören, das sich aus Empathie (in meinem Fall), aus Profilierungswahn oder aus sonstigen Gründen eben angesprochen fühlt beziehungsweise dem Druck irgendwann nicht mehr standhält und etwas fürs Personal organisiert.

Wenn man ganz großes Pech hat – wie wir – dann darf man auch quasi parallel die Sommerfeste der „neuen“ Einrichtungen besuchen. Hatte ich schon erwähnt, dass wir drei Kinder haben? Nun, in diesem Jahr hat es sich so ergeben, dass der große Sohn ins Gymnasium wechselt und der mittlere eingeschult wird. Übrigens finden diese beiden Events selbstverständlich am selben Tag und zur exakt gleich Uhrzeit statt, nur leider rund drei Kilometer voneinander entfernt. Mein Mann und ich müssen uns also aufteilen und haben noch die Großeltern als Verstärkung angefordert. Aber das ist ja erst in sechs Wochen… schnauf.

Diesem Umstand ist es aber zu verdanken, dass wir in diesem Jahr ein wahres Feuerwerk an emotionalen Abschieden und Neuanfängen erleben dürfen. Ein kleiner Auszug aus unserem Familienkalender der letzten Tage: Übernachtung der Vorschulkinder im Kindergarten mit anschließenden Elternfrühstück am Samstag um 8 Uhr. Nachmittägliches Elterncafé in der Krippengruppe. Übernachtung der Hortkinder mit anschließendem Elternfrühstück am Samstag um 8:30 Uhr. Sommerfest im Montessorihort am Freitagabend um 19 Uhr. Sommerfest im Gymnasium am Donnerstag um 15 Uhr. Verabschiedung der Grundschullehrerin im Biergarten am Montag um 15 Uhr…  Das Elterncafé m Kindergarten habe ich wegen Doppelbelegung abgesagt, man muss eben Prioritäten setzen.

Inzwischen ist es August, der Wahnsinn hat ein Ende. Ich sitze abends auf der Terrasse und versuche mich etwas zu entspannen, bevor in sechs Wochen das Ganze wieder von vorne losgeht: Einschulung, Elternabende, Elternstammtische, St. Martinsfeste, Plätzchenbacken und Basteln in der Andventszeit und so weiter und so fort… Doch jetzt erst einmal: Erholsame Ferien!

Unsinniger Schlagabtausch

Ich bin in der Küche, bereite gerade das Abendessen vor. Aus dem Wohnzimmer höre ich Kinderstimmen, die kleine Tochter (2) und der mittlere Bruder (6) liefern sich einen Schlagabtausch. Ich will erst mahnend einschreiten und meine erzieherische Aufgabe wahrnehmen, da muss ich schmunzeln.
Er: „Hau ab, du Penner!“
Sie: „Au ab, du Ben-na!“ (Nachsagen ist ja immer eine prima Strategie).
Er: „Du bist ne Knallerbserin!“
Sie: „Ich bin ein… Vorstellung!“ (Ein neues, faszinierendes Wort, das sie gerade gelernt hat und nun in allen mögliche und unmöglichen Zusammenhängen benutzt).
Er: „…?“
Sie: „Bin Marienkäferfasching!!“ (Die Verkleidung vom Februar ist immer noch in lebhafter Erinnerung.)
Er: „Du bist verknallt in Marienkäfer!“
Sie: „Bin ein Löwe! Uääääh, uuuääh!“
Er (viel lauter): „Uuuuuuäääääähhhh!!!“
Sie (weint): „Wääääh!“
Ich (innerlich: „Oh Gott…“): „Abendessen ist fertig! „

Lost Highway – Oder: Bitte wenn möglich wenden!

Es stimmt wohl: Die letzten echten Abenteuer auf dieser Welt erlebt man nicht in der Wüste Gobi, dem Amazonas oder auf dem Mount Everest – sondern im eigenen Auto auf dem Weg von A nach B, sofern man ein oder mehrere Navis dabei benutzt. Da schließe ich mich Herrn Buddenbohm gerne an.

Jedenfalls fühlte ich mich exakt so, als ich nach meiner letzten Autotour in das städtische Umland endlich wieder glücklich in die heimische Tiefgarage einfahren konnte. In den rettenden Hafen sozusagen. Meine Reiseroute war zwar ambitioniert, aber eigentlich machbar gewesen: Zum Schulranzen-Outlet betrug die reine Fahrtzeit laut Google Maps exakt 26 Minuten. Vor Ort kalkulierte ich dann maximal eine Stunde Powershopping ein (zwei Schulranzen für meine zwei Schulkinder), länger würden weder ich noch meine Kinder es in einem solchen Geschäft nicht aushalten. Dann wieder rein ins Auto und schnurstracks nach Hause – und damit hätte ich dieses Zeitfenster in den Osterferien optimal ausgenutzt. Denn keine Frage: Den eigenen Schulranzen sollte sich ein Kind schon selbst auswählen, und dazu waren dies eben die optimale Gelegenheit.

Laut meiner etwas sportlichen Planung durfte also kein Fehler passieren, sprich: keinerlei Abweichen von der Route! Im Auto programmierte ich deshalb zunächst das Navi – sicher ist sicher – und wir fuhren los. Es kam, wie es kommen musste: Schon an der ersten Ampel traten erste Interessenskonflikte zwischen meinem Orientierungssinn und der Technik auf. Das Navi schickte mich geradeaus auf die Autobahn, ich hatte mir vorher beim Blick auf Goolgemaps aber die Alternativroute über die Landstraße eingeprägt, und das bedeutet eigentlich rechts abbiegen. Die Einstellung „Autobahn ignorieren“ hatte ich deshalb extra im Navi deaktiviert, dachte ich wenigsten… Sei’s drum. Während die Ampel auf rot stand entschied ich mich für den vermeintlich sicheren Vorschlag der Technik und ließ mich also über die Autobahn und später mit zunehmend mulmigerem Gefühl auch durch ein zersiedeltes Gewerbegebiet „führen“. Der permanente Kontrollblick auf die Uhr verhieß nichts Gutes: In 5 Minuten lief das Zeitfenster für die Anreise ab, aber immer noch tauchten nagelneue Baumärkte und Küchenstudios neben uns auf. Ich gestand mir ein, dass ich jegliche Orientierung verloren hatte und fing an, stumm zu beten. „Wann sind wir da?“ fragten die Kinder. „In fünf Minuten“, flötete ich und umklammerte das Steuer fester.

Doch es kam noch anders: „Demnächst rechts abbiegen“, verhieß die freundliche Frauenstimme. Kurz darauf befahl sie dann: „Jetzt abbiegen!“ Das hätte ich auch gern gemacht, aber anscheinend hatte die Kommune Geld für eine neue Umgehungsstraße übrig gehabt und deshalb eine nagelneue Brückenausfahrt gebaut. Im Rückspiegel sah ich die neu gebaute Ausfahrt langsam kleiner werden – sie führte nach links, da hier nun eine Brücke war. Die frisch geteerte Straße bot leider keine Möglichkeit mehr, abzubiegen. „Bitte wenn möglich wenden“ tönte es umgehend aus dem Navi. Verzweifelt blickte ich durch die Windschutzscheibe auf eine schnurgerade Landstraße, die keinerlei Wendemöglichkeiten bot. „Da hätten wir raus müssen!“ meinten die Kinder zu allem Überfluss von hinten. „Ich weiß, keine Panik, wir schaffen das schon“, antwortete ich mit Panik in der Stimme. „GLEICH sind wir da, seht ihr, da drüben ist schon der Ort, wir müssen nur noch WENDEN.“ Bedrücktes Schweigen von auf der Rückbank – die beiden spürten, dass die Lage ernst war.

Da plötzlich erschien einige Meter vor uns rechts eine kleine Einfahrt zu einem Feldweg. Jetzt oder nie! Ich ergriff kaltblütig die Gelegenheit zu einer nicht verkehrsgerechten Wende. Vor meinem inneren Auge sah ich schon die Schlagzeilen in der Lokalzeitung: „Auf dem Weg zum Schulranzenkauf: Mutter fährt Kinder in den Tod!“ während ich auf eine Verkehrslücke wartete, um wieder auf die Straße zu kommen. Jetzt nur keinen Fehler machen! Als wir schließlich wieder in entgegengesetzter Richtung unterwegs waren kam von hinten sogar Applaus „Super Mama!“. Na bitte.

Die restliche Route bis zum Schulranzenoutlet vertraute ich dann meinem erfahrenen, auf Verkehrsschilder trainierten Autofahrerblick und meinem – ja! – Instinkt. Wir kamen mit einer Toleranzgrenze von 10 Minuten Verspätung in dem Geschäft an und brauchten für den Kauf zweier Schulranzen inklusive Anprobe plus Motivauswahl rekordverdächtige 45 Minuten.

Jetzt hieß es nur noch, den Heimweg antreten. Da ich von meiner Technikgläubigkeit immer noch nicht kuriert war, schaltete ich wieder das Navi an und drückte die „Home“-Taste. Da konnte doch jetzt wohl nichts mehr schiefgehen, oder? Was soll ich sagen – nachdem das Ding uns mehrfach zum Abbiegen aufforderte, obwohl das Verkehrsschild für unsere Zielstadt „geradeaus“ anzeigte, drückte ich auf den „Aus“-Schalter und drehte die Musik lauter. Zum Glück erkannte ich irgendwann die Autobahn von der Hinfahrt wieder. Wir kamen pünktlich zuhause an.

Generell führt die Navi-Nutzung bei meinem Mann und mir zu seltsamem, ehekonfliktförderndem Verhalten: Ich erinnere mich, wie wir eine nur rund 5 km entfernt wohnende Freundin letztlich mit großer Verspätung erreichten, da mein Mann stur das Navi nutzte und damit direkt im Stau hängenblieb, während ich ihn erst freundlich, dann zunehmend unfreundlicher Ratschläge vom Beifahrersitz gab – meine Route wäre ganz klar staufrei gewesen, weil ich mich da eben auskannte. Nie vergessen werden wir wohl beide, wie wir in unserem Umbrienurlaub vor zwei Jahren nachts – auf dem Weg zu unserem Übernachtungshotel auf der Strecke – die richtige Ausfahrt im italienischen Kreisverkehr verpassten und anschließend orientierungslos und fluchend durchs dunkles Vorstadtgewirr irrten: Er am Steuer, ich mit meinem Smartphone in der Hand Kommandos gebend, wir beide schweißgebadet. Diese Szene wiederholte sich in besagtem Urlaub noch mehrmals, da unser Auto-Navi praktischerweise nur deutsche Strecken abgespeichert hat und das Handy meines Mannes zwar ein GPS-Navi, aber dafür nicht immer Empfang hatte. Ich griff dann bei Bedarf zum dritten Gerät, meinem Smartphone, und holte mir bei Googlemaps teuren Rat (ächz, die Roaminggebühren…)

Was soll ich sagen: Ich verlasse mich eher ungern ausschließlich auf das Navi und schaue mir vorher lieber eine Karte an. Denn was man im Kopf hat… In diesem Sinne: Euch allen stets gute Fahrt!

Das leidige Thema Schule

Drei Beobachtungen zum Thema Schule aus dieser Woche:

Mittwochnachmittag, 15 Uhr:
Gemeinsam mit dem sechsjährigen, nun schulpflichtigen Sohn und der zweijährigen Schwester finde ich mich pünktlich zur Schuleinschreibung in unserer Sprengelschule (ja, so heißt das in Bayern) ein. Wir kennen das Gebäude gut: Der große Bruder ist hier nun bald schon vier Jahre in die Grundschule gegangen. Zahlreiche bekannte Gesichter, wie schön: Im Schulhof, in der Aula, beim Kuchenverkauf des Elternbeirats begrüßen uns Nachbarn.

Wir gehen die Treppe hoch in den ersten Stock, bis zu einem großen Tisch. Sehr freundlich wird mein Sohn dort von einer jungen Lehrerin begrüßt: „Hallo, wer bist denn Du?“ Er presst seinen Namen heraus ohne Bickkontakt, nun ja… Wir erhalten ein Formular und werden gebeten, vor einem Klassenzimmer zu warten. Jetzt wird es meinem Sohn doch etwas mulmig: „Mama, ich WILL eigentlich gar nicht in die Schule…“ sagt er. Wie reagieren? „Mmmh… dann triffst Du auf dem Schulhof doch immer den L.“ (neunjähriger Nachbarssohn und eines seiner Idole, denn der mittlere Sohn will natürlich immer gerne mit den „großen“ Jungs spielen.) Das scheint etwas zu wirken.

Dann öffnet sich die Tür und sein Kindergartenkumpel J. kommt heraus, großes Hallo. Drinnen darf mein Sohn mit einer Lehrerin „Schule“ spielen – was nichts anderes heißt, als dass bestimmte Fähigkeiten abgetestet werden und sein Verhalten auf „Schulfähigkeit bzw. -„untauglichkeit“ bzw. mögliche Probleme gescreent wird. Derweil darf ich (mal wieder) einen Adressbogen ausfüllen und diverse Telefonnummern angeben. Nach rund 10 Minuten erhalten wir einen Bogen, auf dem angekreuzt ist, was ihm anscheinend noch Schwierigkeiten bereitet. „Die Stifthaltung sollten Sie unbedingt mit ihm üben.“ Es werden spezielle Stifte mit ergonomischen Einkerbungen empfohlen, die ich schon ausreichend zuhause liegen habe. „Üben Sie mit ihm vor allem Malen. Er hat auch leichte Probleme, eine Aufgabe zu Ende zu machen. Und beim räumlichen Vorstellunssvermögen gab es auch ein paar Defizite.“ Zack! Das Kind muss also von mir in den nächsten Monaten noch möglichst passend für die Schule gemacht werden. Irgendwie sind meine feierlich-stolzen Gefühle auf einmal weg, die ich kurz hatte („Hach, jetzt kommt er also auch schon in die Schule…“) Auf dem Zettel sind einige Gesellschaftsspiele angekreuzt, die wir zur Übung nun öfters spielen sollen. Langsam dämmert es mir: Da kommt wieder mal ein Haufen Arbeit auf mich zu.

Beim Kuchenverkauf treffen wir dann wieder den Kindergartenkumpel mit seiner Mutter. Ihrem Sohn hatte man Logopädie nahegelegt und bei ihm ebenfalls die Stifthaltung bemängelt. „Lass uns doch was zusammen machen, dann sind sie vielleicht motivierter“, schlägt sie vor. Ich ertappe mich dabei, wei ich begeistert nicke und gleich ein Belohnungssystem mit Aufklebern vorschlage. Wir vereinbaren, dass wir die „Vorschullerngruppe“ abwechselnd bei mir und bei ihr durchführen werden. Na das geht ja schon gut los…

Donnerstagnachmittag, 14 Uhr:
Ich halte (beruflich bedingt) einen Vortrag vor Beamten Bayerischer Staatsministerien. Danach kommt man ins Gespräch, einer davon ist zufällig Studiendirektor in der Staatskanzlei und also auch mit dem Schulthema befasst, außerdem ist er selbst Vater zweier Schulkinder. Der sehr nette Herr will von mir wissen, ob ich beim anstehenden Volksbegehren der Freien Wähler für eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 stimmen werde, was ich klar bejahe. Als ich dann auch noch sage, dass ich sechs gemeinsamen Schuljahren statt der aktuell vier für kindgerechter halte. bricht er in zynisches Gelächter aus. „Das gilt hier doch als Teufelszeug“. Schnell wird klar, dass alle anwesenden Staatsdiener der Meinung sind, dass im bayerischen Schulsystem alles andere als Chancengleichheit herrscht, da immer noch erwartet wird, dass die Eltern zuhause mit ihren Kindern intensiv lernen, was eigentlich nur mit einem überkommenen Rollenmodell funktioniert, bei dem ein Elternteil (wer wohl?) zumindest nachmittags zuhause ist und diesen „Job“ erledigt. Kinder, deren Eltern beide arbeiten (wollen oder eben müssen), oder nicht in der Lage sind, mit ihnen zu lernen, haben da halt das Nachsehen.

Donnerstagabend, 21 Uhr: Alle drei Kinder sind im Bett, nun kann ich mich endlich an den PC setzen und noch die Infos zu Belgien googeln und ausdrucken, die mein ältester Sohn morgen auf ein Infoplakat kleben bzw. schreiben soll. Nach einer halben Stunde halte ich ein dreiseitiges Word-Dokument in Händen mit den wichtigsten Kennzahlen (Bevölkerungszahl, Fläche, Staatsform, Landessprachen etc.), Grafiken der beligschen Flagge, des belgischen Wappens und einer Landkarte. Gute Arbeit, oder? Ich will mich gerade darüber freuen, als ich auf einmal denke: Stopp! Was mache ich da eigentlich? Doch nicht etwas die Hausaufgaben meines Sohnes, weil für eine Internetrecherche heute Nachmittag nicht wirklich auch noch Zeit war, nachdem wir schon eine Stunde damit verbracht hatten, für das Referat bei Karstadt ein farbiges A3-Blatt inklusive Edding und weiteres Schulmaterial einzukaufen? Verkehrte Welt, das muss sofort aufhören! Jetzt aber gute Nacht!

Let the music play!

An anderer Stelle hatte ich hier bereits die grausamen Folgen geschildert, die beim unfreiwilligen Konsum der Machwerke gewissen- und geschmackloser Kindermusikautoren entstehen können. Solche Ohrwürmer können einem den ganzen Tag und wenn‘s blöd läuft auch noch die halbe Nacht versauen, richtig?

Ich habe es ja schon immer geahnt: Was den Musikgeschmack angeht (und natürlich nicht nur das), werden mich meine Kinder im Laufe ihres Heranwachsens wahrscheinlich einmal so richtig nerven. Denn jede Generation setzt sich doch von der anderen irgendwie ab, rebelliert – das ist Naturgesetz! – mit anderer Musik, Kleidung. Egal was, Hauptsache die Erwachsenen finden es doof.

Wobei: Man liest ja immer häufiger in den Medien, dass sich die Alten den Jungen in Sachen Outfit und Lifestyle immer mehr angleichen (Der Fachbegriff: Verlängerte Adoleszenz). Fünfzigjährige tragen heute ganz selbstverständlich dieselben Jeans- und Schuhmarken wie Pubertierende. Mütter leihen sich von ihren Töchtern Klamotten und umgekehrt. Das habe ich auch schon beobachtet, und sicher: Auch ich werde eines hoffentlich noch allzu fernen tages nicht in beige-grauer-Rentneruniform ins Pflegeheim eingeliefert, sondern voraussichtlich in einer H&M-Jeans.

Aber zurück zu meinen Kindern. Es gibt hier nämlich ein zweites Naturgesetz: Es kommt sehr oft anders als man denkt. Manchmal sogar ganz anders… Fest steht jedenfalls: Ich bin jetzt schon richtig geschockt vom Musikgeschmack meines gerade einmal neunjähigen Sohnes! Es ist ein Skandal. Denn haltet euch fest: Er ist neun Jahre alt und hört am liebsten – jetzt kommt‘s – den Lokalradiosender Bayern Drei!!!

Entsetzen, Abscheu, Unglaube – angesichts eines so mediokren, mainstreamigen Musikgeschmacks kann ich meine Gefühle kaum in Worte fassen. (Man muss dazu sagen, dass mein Musikgeschmack ganz sicher nicht repräsentativ für meine Alterklasse Vierzg plus ist, ich bin sozusagen das Paradebeispiel für verlängerte Adolszenz beim Musikkonsum).

Hier ein Auszug aus der Playlist unserer letzten gemeinsamen Autofahrt (die zum Glück nur 20 Mintuen dauerte): Phil Collins – Bon Jovi – dann irgendeine US-amerikanische Mainsstreamhit jüngeren Datums – danach Van Halen mit „Jump“ (ok, hab ich als Kind auch gehört, aber hej, das waren die Achtziger!) das Ganze ständig unterbrochen von zwei Moderatoren, die sich ständig gegenseitig versicherten, dass jetzt Freitagnachmittag sei, die Arbeitswoche deshalb bald zu Ende und man damit also aufs Wochenende zusteuere. Na prima!

Neulich, wir mussten wieder auf Wunsche des Sohnes genau diesen Sender hören, fragte ich nach: Was er denn daran so gut finde? „Die Musik“ kam als Antwort. Und was ich daran nicht gut fände? „Die Musik“, antwortete ich ehrlich. „Und ganz schlimm finde ich das Gerede der Moderatoren.“ „Ich auch“, sagte er. Wenigstens in diesem Punkt sind wir uns also einig. Es besteht also anscheinend noch Hoffnung…

7 Tage – 7 Bilder

7 von 7 – Ein Rückblick auf die vergangene Woche in Bildern:

Mmmh, lecker: Ein Eier-Sandwich für meine Büro-Lunchbox .

Mmmh, lecker: Ein Eier-Sandwich für meine Büro-Lunchbox .

Erste Trockenübung für Fasching.

Erste Trockenübung für Fasching.

Erste Schreibversuche: Mein Sohn malt auf der Chalkboard-App.

Erste Schreibversuche: Mein Sohn malt auf der Chalkboard-App.

Im Häuschen auf dem Spielplatz.

Im Häuschen auf dem Spielplatz.

Kerzendeko vom ältesten Sohn. In der Schule produziert.

Kerzendeko vom ältesten Sohn. In der Schule produziert.

Auf und davon mit dem Laufrad.

Auf und davon mit dem Laufrad.

Sonntagsfrühstück im Café Jasmin. Ohne Kinder, dafür mit guter Freundin

Sonntagsfrühstück im Café Jasmin. Ohne Kinder, dafür mit guter Freundin

Politische Frühaufklärung

Wir fahren mit dem Auto durch die Innenstadt: Ich am Steuer und hinten meine drei Kinder. Der sechsjährige Sohn meldet sich von hinten: „Mama, was will die Frau da in der Kirche nochmal werden?“ Ich bin zunächst wieder mal ratlos: Wovon redet er? Aber die Erfahrung hat mich gelehrt: Er redet nicht irgendeinen Unsinn sondern meint etwas ganz bestimmtes, wofür ihm aber einfach die richtigen Worte fehlen. Nach einigem Hin- und Her wird dann klar: Er hat ein Plakat der anstehenden Kommunalwahl durchs Autofenster gesehen – in diesem Fall das der Grünen-Kandidatin Sabine Nallinger, die in München derzeit für das Amt als Oberbürgermeisterín kandidiert. Schon vor ein paar Tagen hatte er mich gefragt, warum die Frau und die Männer da auf den Bildern am Straßenrand sind.

Ich erkäre also: Die Frau will Oberbürgermeisterin in unserer Stadt werden (nicht in der Kirche) und macht deshalb Werbung für sich mit dem Plakat. Der ältestes Sohn will nun wissen: „Und was will die dann da machen?“ Jetzt wird es schon schwieriger. Wie erklärt man das Wahlprogramm einer Partei in einem kurzen prägnanten Satz? Ich versuche es: „Also die Grünen wollen vor allem, dass es der Umwelt gut geht.“ Ich muss zu meiner Schande gestehen: Obwohl ich die Partei unlängst sogar gewählt habe, habe ich keinen wirklich profunden Schimmer von ihrem aktuellem Wahlprogramm… aber ganz falsch ist das mit der Umwelt ja nicht.

Da meldet sich von hinten wieder der mittlere Sohn: „Ich würde den da wählen!“. Wir stehen an der roten Ampel, rechts von uns ein Plakat des CSU-Kandidaten. Ich blicke skeptisch auf den abgebildeten Herrn. „Wieso denn, findest Du den nett?“ „Ja“, kommt es knapp von hinten zurück. Der Ältere hakt zum Glück nach: „Und was will der machen?“. Nun ja… jetzt heißt es wirklich, die richtigen Worte zu finden. Ich hole aus zu einem Schlag gegen Patriarchat und Konservatismus. „Also die CSU will zum Beispiel, dass die Frauen vor allem zuhause sind und in der Küche arbeiten.“ OK, das ist etwas überspitzt ausgedrückt, aber nach der Sache mit der Herdprämie haben die bei mir echt verloren.

Ich erkenne leider zu spät, dass ich einen entscheidenden Fehler gemacht habe in meinem stümperhaften Versuch, meine Kinder in ihrer politischen Meinung zu prägen. „Das ist doch gut!“ und „Prima!“ schallt es sofort von hinten. Tja, da habe ich wohl die Perspektive der Zielgruppe nicht angemessen berücksichtigt. Nun muss ich versuchen, mich da herauszulavieren.

Wir fahren derweil in ein Parkhaus ein. Bis das Auto steht muss ich meinem Ältesten noch das Wahlprogramm der SPD („und was wollen die eigentlich?“) in ein- zwei kurzen Sätzen umreißen. Und zum Glück: Beim Stichwort „Arbeiter“ fällt endlich ein entscheidender Groschen. „Ja, die Arbeiter!“ ruft er mit Nachdruck. „Denen geht es so schlecht, wie heißt nochmal die Firma, wo die Fabrik abgebrannt ist?“ Ich weiß sofort was er meint: Ja, die Textilarbeiter in Bangladesch und generell in Asien. Ja, H&M, aber nicht nur die! Das ist in der Tat eine Sache, die das Gerechtigkeitsempfinden meines ältesten Sohnes sehr aktiviert hat und ihn immer noch beschäftigt.

„Die müssen so hart arbeiten und bekommen so wenig dafür. Ich will bei dem Unternehmen nichts mehr kaufen. Da müsste man auf der Straße demonstrieren““ Beschämt blicke ich auf seine H&M-Softshelljacke. Ich antworte: „Noch besser als demonstrieren, ist, wenn man da tatsächlich nichts mehr kauft, das ärgert die viel mehr.“ Er nickt. Genau. Noch ein guter Vorsatz mehr.

Urlaub – was war das gleich noch?

Also wie schon gesagt: Bei uns sind jetzt Sommerferien. Wir waren auch im Urlaub. Wir haben die Koffer (in unserem Fall eher: Seesäcke) gepackt und fuhren zu fünft von Süd- nach Norddeutschland. Seesäcke deshalb, weil wir dort mit einem Segelboot auf der Ostsee rumschipperten. Mit insgesamt fünf Kindern und vier Erwachsenen (wir fuhren mit einer befreundeten Familie) auf engstem Raum auf einem Boot – das klingt für viele zugegeben nicht nach Erholung. Zumal wenn es sich bei unseren Kindern um einen Neunjährigen mit akuten Hörproblemen, einen lautstarken Fünfjährigen und eine willens- und bewegungsstarke Anderthalbjährige handelt. Aber es ist alles eine Sache der Einstellung bzw. der Erwartungshaltung, oder?

Bis es mal soweit ist  heisst es erstmal schuften!

Bis es mal soweit ist heisst es erstmal schuften!


Meine Einstellung zum Urlaub hat sich nämlich grundlegend gewandelt, seit wir mit Kindern verreisen. Urlaub hat seitdem keineswegs etwas mit Erholung zu tun. Als Eltern arbeitet man nämlich einfach weiter, nur eben unter anderen Rahmenbedingungen. Nur blöd, das die genannten Rahmenbedingungen im schlimmsten Fall deutlich ungünstiger sind als zuhause, also z.B. Kakaosorten, die Kinder zum Frühstück rigoros ablehnen, Ferienwohnungen mit gefährlichen Treppen oder Durchfahrtsstraßen direkt vor dem Hoteleingang, was eine ständige Eins-zu-Eins-Betreuung der Jüngsten notwendig macht, zu dicke Mauern für das Babyphone, etc. etc.… In unserem Fall: Ein Segelschiff, wo einfach keiner über Bord gehen darf.

Doch wenn man Glück hat (und das sind dann die Urlaubsziele, die man am besten gleich wieder für nächstes Jahr reserviert – wie spießig aber auch wie notwendig mit Schulkindern!), stimmen die Rahmenbedingungen (und auch das Wetter!), so dass auch bei den Eltern irgendwann der ersehnte Erholungseffekt auftritt. Bis es allerdings so weit kommen kann steht uns Eltern (let’s face it: es sind in diesem Fall doch zu 99% die Mütter – warum eigentlich?) aber das schwerste Stück Arbeit bevor: Denn wir müssen packen!

Es soll ja Leute geben, die ihre Siebensachen innerhalb von zwei, drei Stunden abreisefertig haben. Es soll auch Leute geben, die ihr Reisegepäck und das ihrer Liebsten generalstabsmäßig bereits drei Wochen vorher zusammensortieren und dann stressfrei und pünktlich losfahren können. Ich kann das leider nicht. Ich bin ein typischer Last-Minute-Packer. Hinzu kommt, dass bei mir, sobald ich eine Reisetasche aus dem Keller hole und auch nur überlege, was denn darin einzupacken wäre, akute Reiseübelkeit einsetzt.

Vielleicht versetzt schon die bloße Vorstellung, dass ich meinen Kleiderschrank und den meiner drei Kinder nun durchforsten muss und eine Auswahl treffen muss (schrecklich!) meinen Magen in Aufruhr. Kompliziert wird es, wenn ich gleichzeitig auch noch im Auge behalten muss, was sich gerade in der Wäsche befindet und wieviele Kleidungsstücke bis zum Abreisetag noch von den Kindern angezogen werden bzw. theoretisch dreckig werden könnte. Die Wettervorhersage am Zielort muss ohnehin ständig überprüft werden, denn wie heißt es so schön: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Wer wie ich schon einmal an Ostern in einem Sizilianlischen Ferienhaus mit meterdicken Steinmauern die Nächte durchgefroren hat, packt lieber mal einen Pullover zuviel ein. Die Angst, dass die eigenen Kinder falsch (d.h. nicht wettergemäß) angezogen sein könnten, steigert sich bei drei Kindern natürlich exponentiell.

Ich weiss, viele werden jetzt mit den Schultern zucken: Läuft man halt mal nicht mit den Lieblingssachen bzw. dreckigen Sachen rum. Recht haben sie. Das Dumme ist nur: Ich kann mich so nicht entspannen. (Zumindest nicht vor dem Urlaub!) Ich bewundere eine vierköpfige Nachbarsfamilie, die mit Fahrrädern und Radtaschen eine ganze Woche Urlaub machte. Ich weiß, dass ich in diesem Fall mindestens einen schwerbepackten Fahrradanhänger hinter mir herziehen würde, der Regenhosen, Gummistiefel, Vliesjacken und atmungsaktive Outdoorjacken für alle Familienmitglieder enthielte.

Nun ja, vielleich bin ich auch einfach ein risikoaverser, entscheidungsschwacher Mensch, der erst möglichst alle Unwägbarkeiten überdenken muss, um sich dann mit den ausgewählten Dingen auch gut ausgerüstet zu fühlen. Das komische ist nämlich: Habe ich meine Entscheidung erst einmal getroffen und sind die Siebensachen eingepackt, dann ist es gut und die Vorfreude lässt sich langsam blicken. Bis man seine Habseligkeiten allerdings auf diese wenigen, essentiellen Dinge durchforstet hat, das ist zumindest bei mir ein qualvoller Weg. Besonders, wenn drei schreiende, sich streitende Kinder um einen herumtoben.

Damit hier keine Verwirrung aufkommt: Ich reise sehr gerne, freue mich an anderen Kulturen und muss im Urlaub nicht alles so wie zuhause haben. Wir haben z.B. damals noch zu viert eine Asienreise mit einem fünf- und einem knapp zweijährigen Kind unternommen und haben uns dort auch mit wenig mitgebrachten Dingen und übrigens fast ohne mitgebrachtes Spielzeug wohlgefühlt.

Jedenfalls: Nachdem mein Mann mir beim Taschenpacken ins Gewissen geredet hatte („auf einem Boot braucht man nicht so viele Klamotten“) hatte ich pflichtschuldigst meine Reisegarderobe noch weiter reduziert. Danach traf ich ihn in der Küche, wo er also leidenschaftlicher Koch „nur ein paar Gewürze“ mitnehmen wollte. („Du hast nicht zufällig die Zimtstangen gesehen?“) Hallo, habe ich da was falsch verstanden, auf einem Schiff nimmt man doch nur das Allernötigste…?!

Der eingebildete Kranke

Der älteste Sohn hat seit neuestem ein Waveboard. Er ist damit letzten Sonntagabend nach draußen verschwunden mit den knappen Worten: „Ich geh nochmal auf die Spielstraße.“ Recht so, sie werden halt selbständiger. Eine halbe Stunde später kommt ein weinendes Häuflein Elend mit schmerzverzerrtem Gesicht zurück. Der linke Ellenbogen: Vom Wackelbrett gefallen und abgerollt – nun tut es höllisch weh. Wir versuchen, den Arm zu untersuchen, der Patient wehrt sich theatralisch.

Am nächsten Tag dennoch: Erst mal Schule. Denn morgens saß der Sohn, sich unbeobachtet wähnend, am Schreibtisch und hat ohne Beschwerden Strichmännchen gemalt, wobei er sich auf dem schmerzenden Arm problemlos abstützte. Wir beschließen, die Sache zu beobachten. Zwei Tage später, den Arm hält er permanent in einer Schonhaltung, entschuldige ich ihn in der Schule und setze mich mit ihm vormittags fast drei Stunden in ein volles Wartezimmer einer orthopädischen Praxis. Wir haben altersgemäße Lektüre dabei (die „Drei Fragezeichen“), aber auch nach zwei Stunden weigert sich der Sohn, in dem Buch auch mal selbst zu lesen, anstatt sich die wenigen Bilder darin nur anzuschauen. Stattdessen (in solchen Fällen ist das bei uns erlaubt): Handyspiele – sozusagen bis der Arzt kommt.

Dann endlich: Wir werden aufgerufen! Der Arzt ist Kinderprofi: Mein Sohn darf vormachen, wie es passiert ist und dabei wird klar: Er kann sich ohne Probleme auf dem Arm abstützen. Und nach mehreren Faustschlägen in die Hand des Arztes ist der letzte Zweifel beseitigt: Da kann nichts wehtun. Zur Sicherheit gibt es trotzdem Ultraschall, falls sich irgendwelche Flüssigkeit gebildet hat. Ich versuche, abgeklärt und verstehend zu nicken. Aha, keine Flüssigkeit. Also alle ok! „Das ist wohl doch eher eine imaginäre Krankheit, damit vielleicht ein Eis mehr rausspringt“, konstatiert der Arzt und lächelt freundlich. „Sie haben alles richtig gemacht“, meint er schon fast tröstend, dann gehe ich lächelnd und mich irgendwie bedeppert fühlend aus dem Behandlungszimmer mit meinem Kind.

Mein Sohn hat tatsächlich einfach alle richtig gemacht an diesem Tag: Die Schule geschwänzt, stattdessen vormittags zwei Stunden Handyspiele gemacht, nach dem Arzt direkt zu McDoof, denn das hatte ich ihm im Wartezimmer versprochen, um ihn bei Laune zu halten. Nach dem Schnellimbiss dann noch auf einen Sprung zu Karstadt – um die zwei Euro Taschengeld auf den Kopf zu hauen. Was will man mehr als fast Neunjähriger? Nur dumm, dass morgen wieder Schule ist…

Von Mäusen und Cabrio-Sonnen

Guten-Nacht-Rituale sind ja bekanntermaßen einer der neuralgischen Punkte im Familienalltag. Nicht umsonst gibt es ein Buch mit dem Titel „Go the fuck to sleep“ eines amerikanischen Autors (glaube ich), das sich anscheinend sehr erfolgreich verkauft. In unserer Familie gibt es die Bettkantengeschichte – aber nicht etwa vorgelesen, sondern bitteschön aus dem Stehgreif von Mama erfunden. (Papa hat hier leider weder Kernkompetenzen noch Akzeptanz bei der Zielgruppe). Sozusagen das allerletzte Betthupferl, nach dem ganzen Umzieh-Zähneputzen-Vorlese-Wahnsinn, der sich manchentags in die Länge zieht wie ein hochkomplizierter Nasa-Raketenstart.

Ich hatte irgendwann damit angefangen (100 Mutti-Bonuspunkte – es ist ja auch wirklich wunderschön, eine live und persönlich erfundene Geschichte erzählt zu bekommen) und es dann oft verflucht, aber trotzdem zähneknirschend an vielen Abenden eine improvisierte Spontangeschichte geliefert. Wenn ich in Hochform war, habe ich in die Geschichten sogar gerade anliegende Themen untergebracht (z.B. Angst vor dem Arztbesuch, Kindergeburtstag, Einschulung, eben alles was in einem Kinderleben so auftaucht und verarbeitet werden will). Es sei denn, es war schon megaspät oder meine Nerven wirklich völlig am Ende.

Auf diese Weise haben wir also die Abenteuer eines kleinen Tigers namens Toggy und seinen Freunden miterlebt sowie das rasante Leben eines kleinen Rennwagens (in Anlehnung an einen sehr bekannten Kinofilm) in unzähligen Folgen miterlebt. Aktuell ist gerade „Die Maus“ am Start. Aus dem Hochbett tönt es dann abends regelmäßig heraus: „Ist die Maus zuhaus?“. Mit der „Sendung mit der Maus“ hat das übrigens gar nichts zu tun, entstanden ist das Thema vielmehr aus der „Ein-Satz-Geschichte“, die ich in meiner Verzweiflung zuletzt eingeführt hatte. („Du willst wirklich noch eine Geschichte? Also gut, aber nur gaaanz kurz!“) Kurz? Pustekuchen: Mittlerweile hat die Maus schon fliegen, schwimmen und tauchen gelernt, war am Nordpol und hat ihre Freundin die Waldmaus aus den Klauen eines Adlers gerettet. Und gestern abend war sie eben im Weltraum. Meine Kinder liefern mittlerweile gerne das Stichwort zur Geschichte (z.B. „Heute fliegt die Maus um die Welt“) – und ich kann dann schauen, wie ich das gebacken bekomme.

Immerhin: Bei der Bettkantengeschichte gibt man nicht nur etwas, sondern bekommt manchmal auch etwas – nämlich einen Extra-Einblick in den Kinderkosmos durch spontane Kommentare oder Fragen der Kids. Bei der Gelegenheit tat mir mein mittleres Kind neulich auch seine eigenen Vorstellungen vom Astronautendasein kund: „Mama, ich werde kein Astronaut.“ Ich: „So? Warum denn?“ Kind:“Da gibt’s immer Sushi zu essen und diese scharfe Soße!“ Ich: „Hä?“ Kind: „Und Salat und Gurke!“ Ich: „Woher weisst Du denn das?!“ Kind: „Na das steht in meinem Weltraumbuch“ Ich: „Das schauen wir morgen nochmal nach, ok?“ Kind: „Und zu Trinken Cabrio-Sonne!“ Ich: „Iiih gitt, wie eklig, dieses Zuckerwasser…“ (Anm.: Mein Kind liebt Capri-Sonne. Dieses Teufelszeug – das ich selbst in meiner 70er-Jahre-Kindheit seltsamerweise ohne Langzeitschäden konsumiert habe – hat es bisher genau einmal getrunken, nämlich als „Mitgebsel“ bei einem Kindergeburtstag.)