Die neuen Väter – sie sind unter uns…

Meine Familie und ich, wir leben – wie vielleicht schon in einem früheren Blogbeitrag anklang – in einer süddeutschen „Großstadt“, die sich ganz dem Motto „Laptop und Lederhose“ verschrieben hat. Nach den Studienjahren in Berlin (zu Zeiten, als der Potsdamer Platz noch nicht mal einen Baustelle war, ha!) hat es uns in die Metropole des Fußballs, des Oktoberfestes und des Mia-San-Mia-Gefühls verschlagen – des schnöden Jobs wegen, schon klar.

Nun ist es aber so, dass in München – und speziell in unserem Stadtteil – schon seit Jahren eine absolute Sonderkonjunktur herrscht,  was die Geburtenrate angeht. Ich glaube (ohne das jetzt akribisch recherchiert zu haben), da kann noch nicht mal mehr der Prenzlberg mithalten. Ich erkläre mir das so: Die Leute hier haben (oft) gute Jobs und in einer gewissen gutbürgerlichen Klientel gehören das dritte oder sogar vierte (!) Kind mittlerweile zu den Statussymbolen wie etwa der Porsche Cayenne. Mal so ganz böse gesagt, nun ja.

Wie dem auch sei: Eigentlich wollte ich ja was über die neuen Väter schreiben…!? In meinem direkten Umfeld mache ich nämlich jeden Morgen erstaunliche Beobachtungen, die mich glauben lassen, dass entweder die Medienberichterstattung von der Realität inzwischen links überholt wurde, oder die nur den Rückschluss zulassen, dass wir hier in einer nicht repräsentativen („Wohlstand“-)Blase leben.

Jeden Morgen  bekomme ich jedenfalls einen Spiegel vorgehalten, wie sich ein junger Vater etwa auf einem Spielplatz mit seinem Kleinkind fühlen mag – allein unter Müttern. Es ist 8:30, ich ziehe meiner Tochter an der Garderobe ihrer Kinderkrippe gerade Jacke und Schuhe aus. Den Vater der kleinen K. habe ich schon mit kurzem Kopfnicken begrüßt, an der Tür zum Gruppenraum stehen die Väter  des N. und des W. schon Schlange, um ihre Kinder abzuliefern. Ich konzentriere mich gerade darauf, meiner Tochter die Socken in den Hausschuhen zurecht zu zupfen, als ich hinter mir ein Gespräch über die Bundesliga mitbekomme. Verpasste Torchancen, mögliche Spielertransfers, Auf- und Abstiegskandidaten werden durchgehechelt. Ich muss grinsen und schaue mich um: Bin ich hier eigentlich die einzige Frau? Bin ich. Und das ist gut so.

Die Väter-Bring-Quote ist in unserer Krippengruppe sensationell hoch: Ich würde sagen, an guten Tagen nahezu 90 Prozent (klar, ich versaue da die Statistik). Und auch in der Kindergartengruppe meines mittleren Sohnes beträgt die Quote  immerhin noch rund 40 Prozent. Echt baff war ich neulich dann aber, als ich mit dem Vater der zweijährigen T. ein detailliertes Gespräch darüber führte, in welchem Geschäft (!) er (!!) die Schuhe seiner Tochter meistens (!!!) kauft. Tja, sowas sollte eigentlich normal sein, oder?

Beim Abholen relativiert sich das Bild allerdings wieder, denn nun sind fast nur noch Mütter anzutreffen, bis auf ein oder zwei freiberuflich tätige Väter. Denn das ist auch hier die Realität: Die Väter sind mit Vollzeitjob in der Haupt-Ernährerrolle und die Mütter gehen zwar fast alle arbeiten, aber ich kenne nur wenige Ausnahmen, die nach 15 Uhr eher im Büro als auf dem Spielplatz  anzutreffen sind. Und beim Schultütenbasteln habe ich heute übrigens keinen einzigen Vater oder Opa beobachtet. Insofern also: Doch noch alles beim Alten, oder?

Wenn ich es genau überlege kenne ich nur zwei Paare, die sich die Erziehungs-, Haus- und Erwerbsarbeit nahezu gleichberechtigt aufgeteilt haben. Und im einen Fall war es sicher auch keine bewusste Aufteilung, sondern eher die Macht des Faktischen, weil  nicht immer beide einen Job hatten und deshalb ein Rollentausch naheliegend war.

Wie seht ihr das, kennt ihr Paare, die das gut hinbekommen? Und wie lebt ihr das in der eigenen Familie bzw. Partnerschaft?

 

 

 

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Eine Frage des Stils

Der älteste Sohn ächzt über den Hausaufgaben. Ein Aufsatz über die Ferienerlebnisse ist gefragt. Solche unliebsamen Aufgaben schiebt unser Grundschüler gerne bis zum Abend vor sich her. „Der Papa soll mir helfen, der ist für Deutsch zuständig, du kannst besser Mathe“, heißt es zur Begründung. Der wahre Grund ist natürlich, dass der Papa einfach später heimkommt und man dann die unliebsame Aufgabe noch ein wenig länger vor sich her schieben kann…

Aber endlich und tatsächlich sitzt der Sohn also vor dem berühmten leeren Blatt am Schreibtisch und stöhnt. „Mir fällt nichts aaahaain!“ Nachdem zahlreiche Anregungen väterlicherseits („die Tropfsteinhöhle, das Gewitter am Strand, die nächtliche Überfahrt mit der Fähre!!!“) nur mit erneutem Stöhnen beantwortet wurden, schaue ich auf das Blatt. Dort steht ein einziger Einleitungssatz: „Am ersten Ferientag sind wir mit dem Auto zur Fähre gefahren.“

Ich wiederhole diverse Ideen, aufschreiben muss er das alles allerdings ganz höchst selbst und persönlich. Wäre ja nochmal schöner. Mein Sohn hört meinen Vorschlägen zu und schaut mich dann zweifelnd an: „Mama, das passt jetzt gar nicht. Du hast einen ganz anderen Stil als Papa.“

Den Aufsatz hat er dann schlussendlich doch noch alleine geschrieben. Und ich habe meine Lektion auch gelernt.

Gender-Debatte mal anders

Die gerade mal zweijährige Tochter steht vor dem Spiegel, zähneputzend – oder besser: Zahnbürste kauend. Plötzlich: „Ich bin ein Mädchen!“ Blick nach rechts zur Mama. Ich nicke aufmunternd „Ja, genau!“ Bei mir denke ich: „Können die das in dem Altern wirklich schon wissen oder hat ihr das in der Krippe jemand gesagt und sie plappert es nur nach?

Die Zahnbürste wird weiter gekaut. Dann: „L. ist ein Junge!!“ Genau, nicke ich anerkennend, das ist der große Bruder. Und etwas später: „H. ist ein Junge!!!“ Das ist der mittlere Bruder. „Prima!!!“ freue ich mich und beschließe insgeheim, dass unsere Jüngste ein besonders schlaues Mädchen ist.

Junge oder Mädchen? Bei diesem Pink gar keine Frage...

Junge oder Mädchen? Bei diesem Pink ist das gar keine Frage…

Dann Blick zu mir: „Mama ist ein Junge!!!!“ Ich – ähem, nun ja – bin mal wieder ratlos. Was soll das denn nun bedeuten? Sehe ich aus wie ein Junge bzw. ein Mann? Zeige ich das, was man gemeinhin als typisch männliche Verhaltensweisen bezeichnet? Nun ja, wenn es darum geht, unbequeme Entscheidungen durchzusetzen („Das ipad kommt jetzt weg“ – oder: „Wir ziehen die Strumpfhose jetzt an!“) , bin ich inzwischen ziemlich gut. Aber bin ich deswegen gleich „ein Junge?“

Ich rätsele weiter, was sie genau damit meint und wenn ihr’s wissen wollt: Das Rätsel ist bis heute nicht gelöst. Nach wie vor behauptet unsere Tochter stoisch „Mama ist ein Junge“, wobei die anderen Familienmitglieder ihre „korrekte“ Geschlechtsbezeichnung beibehalten, als auch „Papa ist ein Junge“ – wobei der regelmäßig kocht und Wäsche wäscht und damit vorbildlich jeglichen Geschlechterrollenklischees entgegenwirkt.

Politische Frühaufklärung

Wir fahren mit dem Auto durch die Innenstadt: Ich am Steuer und hinten meine drei Kinder. Der sechsjährige Sohn meldet sich von hinten: „Mama, was will die Frau da in der Kirche nochmal werden?“ Ich bin zunächst wieder mal ratlos: Wovon redet er? Aber die Erfahrung hat mich gelehrt: Er redet nicht irgendeinen Unsinn sondern meint etwas ganz bestimmtes, wofür ihm aber einfach die richtigen Worte fehlen. Nach einigem Hin- und Her wird dann klar: Er hat ein Plakat der anstehenden Kommunalwahl durchs Autofenster gesehen – in diesem Fall das der Grünen-Kandidatin Sabine Nallinger, die in München derzeit für das Amt als Oberbürgermeisterín kandidiert. Schon vor ein paar Tagen hatte er mich gefragt, warum die Frau und die Männer da auf den Bildern am Straßenrand sind.

Ich erkäre also: Die Frau will Oberbürgermeisterin in unserer Stadt werden (nicht in der Kirche) und macht deshalb Werbung für sich mit dem Plakat. Der ältestes Sohn will nun wissen: „Und was will die dann da machen?“ Jetzt wird es schon schwieriger. Wie erklärt man das Wahlprogramm einer Partei in einem kurzen prägnanten Satz? Ich versuche es: „Also die Grünen wollen vor allem, dass es der Umwelt gut geht.“ Ich muss zu meiner Schande gestehen: Obwohl ich die Partei unlängst sogar gewählt habe, habe ich keinen wirklich profunden Schimmer von ihrem aktuellem Wahlprogramm… aber ganz falsch ist das mit der Umwelt ja nicht.

Da meldet sich von hinten wieder der mittlere Sohn: „Ich würde den da wählen!“. Wir stehen an der roten Ampel, rechts von uns ein Plakat des CSU-Kandidaten. Ich blicke skeptisch auf den abgebildeten Herrn. „Wieso denn, findest Du den nett?“ „Ja“, kommt es knapp von hinten zurück. Der Ältere hakt zum Glück nach: „Und was will der machen?“. Nun ja… jetzt heißt es wirklich, die richtigen Worte zu finden. Ich hole aus zu einem Schlag gegen Patriarchat und Konservatismus. „Also die CSU will zum Beispiel, dass die Frauen vor allem zuhause sind und in der Küche arbeiten.“ OK, das ist etwas überspitzt ausgedrückt, aber nach der Sache mit der Herdprämie haben die bei mir echt verloren.

Ich erkenne leider zu spät, dass ich einen entscheidenden Fehler gemacht habe in meinem stümperhaften Versuch, meine Kinder in ihrer politischen Meinung zu prägen. „Das ist doch gut!“ und „Prima!“ schallt es sofort von hinten. Tja, da habe ich wohl die Perspektive der Zielgruppe nicht angemessen berücksichtigt. Nun muss ich versuchen, mich da herauszulavieren.

Wir fahren derweil in ein Parkhaus ein. Bis das Auto steht muss ich meinem Ältesten noch das Wahlprogramm der SPD („und was wollen die eigentlich?“) in ein- zwei kurzen Sätzen umreißen. Und zum Glück: Beim Stichwort „Arbeiter“ fällt endlich ein entscheidender Groschen. „Ja, die Arbeiter!“ ruft er mit Nachdruck. „Denen geht es so schlecht, wie heißt nochmal die Firma, wo die Fabrik abgebrannt ist?“ Ich weiß sofort was er meint: Ja, die Textilarbeiter in Bangladesch und generell in Asien. Ja, H&M, aber nicht nur die! Das ist in der Tat eine Sache, die das Gerechtigkeitsempfinden meines ältesten Sohnes sehr aktiviert hat und ihn immer noch beschäftigt.

„Die müssen so hart arbeiten und bekommen so wenig dafür. Ich will bei dem Unternehmen nichts mehr kaufen. Da müsste man auf der Straße demonstrieren““ Beschämt blicke ich auf seine H&M-Softshelljacke. Ich antworte: „Noch besser als demonstrieren, ist, wenn man da tatsächlich nichts mehr kauft, das ärgert die viel mehr.“ Er nickt. Genau. Noch ein guter Vorsatz mehr.

Der Sprung ins kalte Wasser

Es ist wieder Schwimmkurs, wie jeden Dienstagnachmittag. Die Kinder sollen alle vom Dreimeterturm springen. Ich liege am Beckenrand auf der Liege und dämmere vor mich hin. Gerade in dem Augenblick, als ich die Augen öffne, realisiere ich, dass da eben der Freund meines Ältesten vom Dreier gehüpft ist. Wo ist mein Sohn? Er steht lässig am Beckenrand und ruft seinem Freund etwas zu, als der aus dem Wasser klettert.

Einer nach dem anderen springen sie – ich erinnere mich noch gut daran, als ich selbst das Bronzeschwimmabzeichen gemacht habe und deshalb (das einzige Mal in meinem Leben, ich gebe es zu!) meine Angst überwand und in die Tiefe sprang. Von meiner Liege aus verfolge ich gespannt, wie die Kinder mit der Situation umgehen. Manchen springen ganz selbstverständlich, sie sind vielleicht schon öfters vom Dreier gehüpft und genießen es sogar, anderen sieht man an der Körperhaltung und am langen Zögern schon an, wie sehr sie sich überwinden müssen.

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Ich kann mich vor Neugier kaum noch auf der Liege halten: Habe ich den Sprung meines Sohnes nun ausgerechnet verpasst oder ist er etwa als Einzige gar nicht…! Mein Bauchgefühl sagt mir so etwas. Ich kann es sogar irgendwie aus seiner Körperhaltung herauslesen: Zu entspannt, nicht wie einer, der gerade etwas überwunden hat und sich selbst noch darüber wundert.

Am Ende der Stunde, die Kinder hocken im warmen Whirpool, versuche ich ihn so beiläufig wie möglich zu fragen: „Und, der Sprung vom Dreier, wie wars?“ Denn klar: Wenn ich ihm gleich unterstelle, dass er gar nicht gesprungen ist, was ist denn das für eine Message? So nach dem Motto: Ich habs ja gleich gewusst, dass Du kneifst… nein, das geht also auf keinen Fall! Er antwortet knapp, aber ganz selbstverständlich: „Ja, klar bin ich gesprungen. Aber das mach ich nie wieder, ist erledigt.“ Ok, ich beschließe ihm zu glauben, trotz meines Bauchgefühls. Wir sprechen das Thema nicht mehr an und er sagt auch von sich aus nichts darüber. Komisch nur: Als ich damals vom Dreier gesprungen bin, habe ich allen möglichen Leuten davon stolz erzählt.

Drei Wochen später: Selber Ort, selbe Zeit. Die Kinder sollen ihre Schwimmabzeichen heute bekommen beziehungsweise es werden noch Dinge abgeprüft, die offen sind. Bei meinem Sohn ist dies laut Liste des Schwimmlehrers: Zweimal Tieftauchen, 10-Meter-Streckentauchen und – wer hätte es gedacht: Ein Sprung vom Dreier!

Ich bin nicht wütend, nur enttäuscht und traurig: Hat er so wenig Vertrauen zu mir? Und gleichzeitig bin ich geplättet: Mein Bauchgefühl hatte doch recht, obwohl er mir mit einer routinierten Selbstverständlichkeit ins Gesicht gelogen hat, die ihm jeder Fremde abgenommen hätte. Und jetzt? Ich reagiere schnell, ziehe ihn beiseite und sage: „Hör mal, dass Du nicht gesprungen bist ist mir egal. Aber dass Du mich angelogen hast, das ist schlimm, sehr schlimm sogar.“ Schuldbewusster Blick, dann gehts weiter mit dem Schwimmkurs.

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Ich versuche mich innerlich locker zu machen: Egal was jetzt kommt, er muss schließlich selbst damit leben. Ich unterhalte mich mit einer anderen Mutter, achte irgendwann nicht mehr auf die Kinder im Becken und merke gar nicht, dass ein paar von ihnen wieder zum Sprungturm laufen. Und dann sehe ich plötzlich, wie mein nasser Sohn auf mich zurennt, quer durch die ganze Schwimmhalle. Er lacht und winkt mir zu. Ich lache zurück, nicke. Er hat den Sprung ins kalte Wasser gewagt.

Der Wunschzettel

Neulich, der neunjährige Nachbarssohn und Freund meines ältesten Sohnes war zu Besuch. Ich saß auf dem Sofa. Er:“Äh, darf ich mal im Internet bei Euch was nachschauen?“ Ich (unwillig): „Was denn?“ Er: „Na, ob der Baukran, tatsächlich so heißt.“ „Welcher Baukran?“ „Na, den ich mir zu Weihnachten gewünscht habe! Der steht auf meinem Wunschzettel, aber wenn ich den da falsch aufgeschrieben habe, dann krieg ich den doch nicht…“

Kerzenlicht und Kinderfragen: Besinnliche Stunden in der Weihnachtszeit

Kerzenlicht und Kinderfragen: Besinnliche Stunden in der Weihnachtszeit

Zugegeben: Ein ernstzunehmendes Problem. Aber ich hatte trotzdem wenig Lust, den Computer anzuschalten, da sich dann sofort, quasi schmeißfliegenartig, alle Kinder dieses Haushalts vor dem Bildschirm versammeln, dort nicht mehr weggehen und hartnäckige Forderungen nach Computerspielen irgendwelcher Art äußern würden. Ich habe da so meine Erfahrungen gemacht.

Ich also (Verständnis vortäuschend): „Ach so. Aber wie sollen wir den denn im Internet finden?“ Er: „Na, wir geben einfach ‚Baukran‘ ein und schauen uns dann alle Links dazu an.“ Super Idee! Eine sehr reizvolle Vorstellung, sich mit zwei Jungs durch geschätzte 1000 Links zum Stichwort Baukran zu klicken und gleichzeitig die bereits erwähnten Forderungen ohne Ermüdungserscheinungen abzuwehren, hüstel… Ich wende mich wieder demonstrativ meiner Zeitung zu, da ich vorhin die kurze Illusion hatte, sie ungestört auf dem Sofa lesen zu können.

Er wieder: „Aber das ist echt schlimm, und zuhause darf ich das doch nicht so, da gibt’s Stress…“ „Wenn Du ins Internet willst?“ (Die scheinen dort das gleich Problem zu haben wie ich hier.) Ich versuche es jetzt mal auf die ganz abgebrühte Art und fange an, dreiste Erwachsenenmärchen zu erzählen. „Also hör mal, wenn der Weihnachtsmann oder äh, das Christkind, das liest, dann wissen die genau, was Du meinst. Die können nämlich Gedanken lesen!“ „Echt?!“

An dieser Stelle durchfährt es mich: Jetzt nur keinen Fehler machen, bei manchen Familien gibt es ja dezidiert keinen Weihanchtsmann, wegen Coca-Cola und bösem Konsum usw. Da kommt dann immer das Christkind. Bei uns übrigens auch, nur vergesse ich das immer wieder und spreche dann aus Versehen wieder vom Weihnachtsmann. Außerdem ist die Frage, ob der Nachbarsjunge wirklich noch an den oder das geschenkebringende Wesen glaubt, ich möchte nämlich kein Kindheitstraumata verursachen und auch nicht der erste sein, der ihn diesbezüglich aufklärt. „Also, wer bringt denn bei Euch die Geschenke?“ „Na, das Christkind oder der Weihnachtsmann oder der Nachbar…“ (Häh? Anscheinend wurden Pakete, die der Nachbar des Nachbarsjungen angenommen hat bereits eindeutig als Weihnachtsgeschenke identifiziert…) Er scheint aber langsam zu kapieren, dass es bei mir auf Granit beißt und der Computer definitv aus bleibt. „Na gut, ist dann wohl doch zu schwierig, das rauszufinden, ich geh dann mal wieder spielen.“

Unser ältester Sohn hat uns übrigens schon vor einem Jahr eiskalt enttarnt: „Ich weiß genau, wer an Weihanchten immer die Geschenke bringt, das macht ihr!“, erkärte er triumphierend. Das hinderte ihn natürlich nicht, auf seinem Wunschzettel für das diesjährige Fest der Liebe als einzigen Punkt zu notieren: Ein Handy. Wenigstens setzt er Schwerpunkte. Der jüngere Bruder war da schon fantasievoller. Er malte (da er noch nicht schreiben kann, vier kryptische Dinge mit Filzstift auf ein DIN A4-Blatt und entzifferte sie mir wie folgt: „Lego, ein Bonbon, ein Adventskalender und ein iPad!“ Na, wenns weiter nichts ist. Frohe Weihnachten!

Alltagsschnipsel

Wir stehen mit den Fahrrädern an der roten Ampel, mein ältester Sohn und ich, mitten in der Innenstadt. Rechts neben uns auf dem Gehweg wartet ein semmelkauendes, schwules Paar darauf, dass die Fußgängerampel für sie grün wird. Mein Sohn ruft unüberhörbar nach vorne zu mir: „Mama, warum schmeckt das so unglaublich gut?“ und schwenkt dazu die Reste eines pinkfarbenen Kaugummipapiers – der Packungsinhalt bildet in seinem Mund einen riesigen Klumpen. Ich drehe mich um: „Weil Chemie drinnen ist“, sage ich. Man soll seine Kinder ja nicht anlügen. Die zwei Männer grinsen sich an, fühlen sich vielleicht an ihre eigene Kindheit erinnert. Wir fahren weiter, denn die Ampel ist grün.

Nach weiteren zehn Minuten steigen wir von unseren Rädern, wir sind angekommen. Jetzt schmeckt der Riesenbollen offenbar schon nicht mehr. Mein Sohn beschwert sich: „Das ist ja Betrug, sowas kauf ich mir von meine Taschengeld nicht mehr!“ Er hatte sich das Zeug vorher im Lottoladen bei der Schule gekauft, seinem „local Dealer“, den er täglich besuchen wüde, wenn sein taschengeld mehr hergäbe. Es handelt sich dieses Mal um etwas Zuckerwatteähnliches, das sich im Mund zu einem Kaugummi verwandelt. Ich nicke anerkennend: „Genau!“ Manche Fehler muss man eben jeden selbst machen lassen.