Lebenszeichen

Dieses Blog ist nicht tot. Doch wenn es so weitergeht wie in den vergangenen Wochen, dann droht mir selbst das Ende durch Schuljahres- und Kindergartenendphasenterminterrorismus. Seit Tagen geht das nun schon so: Kurz vor den Sommerferien wird nochmal so richtig Gas gegeben. Im Kindergarten, Schule und Hort jagt ein Sommerfest bzw. Abschiedscafé das nächste.

Zahlreiche Abschiedsgeschenke müssen überlegt, organisiert, besorgt, eingepackt und überreicht werden. Das Geldeinsammeln in der Vorphase nicht zu vergessen. Blumensträuße dito. Meinungsverschiedenheiten mit überengagierten Eltern über die Art der Geschenke und den zu beschenkenden Personenkreis eingeschlossen. Ich erinnere mich mit Bauchgrimmen an den sich mehrere Wochen hinziehenden Disput mit einer Mutter aus der Krippengruppe meiner kleinen Tochter, ob denn nun ein- oder gleich zweimal im Jahr für das pädagogische Personal gesammelt werden solle, und wenn ja, ob man einen festen Betrag vorgeben solle oder nicht und so weiter und so fort.

Die Krönung sind selbstverständlich die selbstgestalteten Abschiedgeschenke der ausscheidenden Kindergarten- bzw. Schulkinder. Meine Kinder machen so etwas leider nur auf den letzten Drücker bzw. wenn ich dabei hinter ihnen stehe und pädagogisch äußerst fragwürdige Drohungen ausstoße. (Nun ja, wenn sie dann mal wirklich dabei sind, dann entstehen doch ganz schöne Werke…)

Die Elternschaft teilt sich hier übrigens generell in zwei Lager: Das eine macht grundsätzlich nichts und stellt sich einfach tot, frei nach dem Motto: Wer sich als erster bewegt, der hat verloren. Ich arbeite seit Jahren daran, auch zu dieser schweigenden Mehrheit zu gehören, denn sie sind fein raus und müssen eigentlich nur noch etwas in den Spendenstrumpf stecken. Leider scheine ich aber per se zum zweiten Lager zu gehören, das sich aus Empathie (in meinem Fall), aus Profilierungswahn oder aus sonstigen Gründen eben angesprochen fühlt beziehungsweise dem Druck irgendwann nicht mehr standhält und etwas fürs Personal organisiert.

Wenn man ganz großes Pech hat – wie wir – dann darf man auch quasi parallel die Sommerfeste der „neuen“ Einrichtungen besuchen. Hatte ich schon erwähnt, dass wir drei Kinder haben? Nun, in diesem Jahr hat es sich so ergeben, dass der große Sohn ins Gymnasium wechselt und der mittlere eingeschult wird. Übrigens finden diese beiden Events selbstverständlich am selben Tag und zur exakt gleich Uhrzeit statt, nur leider rund drei Kilometer voneinander entfernt. Mein Mann und ich müssen uns also aufteilen und haben noch die Großeltern als Verstärkung angefordert. Aber das ist ja erst in sechs Wochen… schnauf.

Diesem Umstand ist es aber zu verdanken, dass wir in diesem Jahr ein wahres Feuerwerk an emotionalen Abschieden und Neuanfängen erleben dürfen. Ein kleiner Auszug aus unserem Familienkalender der letzten Tage: Übernachtung der Vorschulkinder im Kindergarten mit anschließenden Elternfrühstück am Samstag um 8 Uhr. Nachmittägliches Elterncafé in der Krippengruppe. Übernachtung der Hortkinder mit anschließendem Elternfrühstück am Samstag um 8:30 Uhr. Sommerfest im Montessorihort am Freitagabend um 19 Uhr. Sommerfest im Gymnasium am Donnerstag um 15 Uhr. Verabschiedung der Grundschullehrerin im Biergarten am Montag um 15 Uhr…  Das Elterncafé m Kindergarten habe ich wegen Doppelbelegung abgesagt, man muss eben Prioritäten setzen.

Inzwischen ist es August, der Wahnsinn hat ein Ende. Ich sitze abends auf der Terrasse und versuche mich etwas zu entspannen, bevor in sechs Wochen das Ganze wieder von vorne losgeht: Einschulung, Elternabende, Elternstammtische, St. Martinsfeste, Plätzchenbacken und Basteln in der Andventszeit und so weiter und so fort… Doch jetzt erst einmal: Erholsame Ferien!

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Lost Highway – Oder: Bitte wenn möglich wenden!

Es stimmt wohl: Die letzten echten Abenteuer auf dieser Welt erlebt man nicht in der Wüste Gobi, dem Amazonas oder auf dem Mount Everest – sondern im eigenen Auto auf dem Weg von A nach B, sofern man ein oder mehrere Navis dabei benutzt. Da schließe ich mich Herrn Buddenbohm gerne an.

Jedenfalls fühlte ich mich exakt so, als ich nach meiner letzten Autotour in das städtische Umland endlich wieder glücklich in die heimische Tiefgarage einfahren konnte. In den rettenden Hafen sozusagen. Meine Reiseroute war zwar ambitioniert, aber eigentlich machbar gewesen: Zum Schulranzen-Outlet betrug die reine Fahrtzeit laut Google Maps exakt 26 Minuten. Vor Ort kalkulierte ich dann maximal eine Stunde Powershopping ein (zwei Schulranzen für meine zwei Schulkinder), länger würden weder ich noch meine Kinder es in einem solchen Geschäft nicht aushalten. Dann wieder rein ins Auto und schnurstracks nach Hause – und damit hätte ich dieses Zeitfenster in den Osterferien optimal ausgenutzt. Denn keine Frage: Den eigenen Schulranzen sollte sich ein Kind schon selbst auswählen, und dazu waren dies eben die optimale Gelegenheit.

Laut meiner etwas sportlichen Planung durfte also kein Fehler passieren, sprich: keinerlei Abweichen von der Route! Im Auto programmierte ich deshalb zunächst das Navi – sicher ist sicher – und wir fuhren los. Es kam, wie es kommen musste: Schon an der ersten Ampel traten erste Interessenskonflikte zwischen meinem Orientierungssinn und der Technik auf. Das Navi schickte mich geradeaus auf die Autobahn, ich hatte mir vorher beim Blick auf Goolgemaps aber die Alternativroute über die Landstraße eingeprägt, und das bedeutet eigentlich rechts abbiegen. Die Einstellung „Autobahn ignorieren“ hatte ich deshalb extra im Navi deaktiviert, dachte ich wenigsten… Sei’s drum. Während die Ampel auf rot stand entschied ich mich für den vermeintlich sicheren Vorschlag der Technik und ließ mich also über die Autobahn und später mit zunehmend mulmigerem Gefühl auch durch ein zersiedeltes Gewerbegebiet „führen“. Der permanente Kontrollblick auf die Uhr verhieß nichts Gutes: In 5 Minuten lief das Zeitfenster für die Anreise ab, aber immer noch tauchten nagelneue Baumärkte und Küchenstudios neben uns auf. Ich gestand mir ein, dass ich jegliche Orientierung verloren hatte und fing an, stumm zu beten. „Wann sind wir da?“ fragten die Kinder. „In fünf Minuten“, flötete ich und umklammerte das Steuer fester.

Doch es kam noch anders: „Demnächst rechts abbiegen“, verhieß die freundliche Frauenstimme. Kurz darauf befahl sie dann: „Jetzt abbiegen!“ Das hätte ich auch gern gemacht, aber anscheinend hatte die Kommune Geld für eine neue Umgehungsstraße übrig gehabt und deshalb eine nagelneue Brückenausfahrt gebaut. Im Rückspiegel sah ich die neu gebaute Ausfahrt langsam kleiner werden – sie führte nach links, da hier nun eine Brücke war. Die frisch geteerte Straße bot leider keine Möglichkeit mehr, abzubiegen. „Bitte wenn möglich wenden“ tönte es umgehend aus dem Navi. Verzweifelt blickte ich durch die Windschutzscheibe auf eine schnurgerade Landstraße, die keinerlei Wendemöglichkeiten bot. „Da hätten wir raus müssen!“ meinten die Kinder zu allem Überfluss von hinten. „Ich weiß, keine Panik, wir schaffen das schon“, antwortete ich mit Panik in der Stimme. „GLEICH sind wir da, seht ihr, da drüben ist schon der Ort, wir müssen nur noch WENDEN.“ Bedrücktes Schweigen von auf der Rückbank – die beiden spürten, dass die Lage ernst war.

Da plötzlich erschien einige Meter vor uns rechts eine kleine Einfahrt zu einem Feldweg. Jetzt oder nie! Ich ergriff kaltblütig die Gelegenheit zu einer nicht verkehrsgerechten Wende. Vor meinem inneren Auge sah ich schon die Schlagzeilen in der Lokalzeitung: „Auf dem Weg zum Schulranzenkauf: Mutter fährt Kinder in den Tod!“ während ich auf eine Verkehrslücke wartete, um wieder auf die Straße zu kommen. Jetzt nur keinen Fehler machen! Als wir schließlich wieder in entgegengesetzter Richtung unterwegs waren kam von hinten sogar Applaus „Super Mama!“. Na bitte.

Die restliche Route bis zum Schulranzenoutlet vertraute ich dann meinem erfahrenen, auf Verkehrsschilder trainierten Autofahrerblick und meinem – ja! – Instinkt. Wir kamen mit einer Toleranzgrenze von 10 Minuten Verspätung in dem Geschäft an und brauchten für den Kauf zweier Schulranzen inklusive Anprobe plus Motivauswahl rekordverdächtige 45 Minuten.

Jetzt hieß es nur noch, den Heimweg antreten. Da ich von meiner Technikgläubigkeit immer noch nicht kuriert war, schaltete ich wieder das Navi an und drückte die „Home“-Taste. Da konnte doch jetzt wohl nichts mehr schiefgehen, oder? Was soll ich sagen – nachdem das Ding uns mehrfach zum Abbiegen aufforderte, obwohl das Verkehrsschild für unsere Zielstadt „geradeaus“ anzeigte, drückte ich auf den „Aus“-Schalter und drehte die Musik lauter. Zum Glück erkannte ich irgendwann die Autobahn von der Hinfahrt wieder. Wir kamen pünktlich zuhause an.

Generell führt die Navi-Nutzung bei meinem Mann und mir zu seltsamem, ehekonfliktförderndem Verhalten: Ich erinnere mich, wie wir eine nur rund 5 km entfernt wohnende Freundin letztlich mit großer Verspätung erreichten, da mein Mann stur das Navi nutzte und damit direkt im Stau hängenblieb, während ich ihn erst freundlich, dann zunehmend unfreundlicher Ratschläge vom Beifahrersitz gab – meine Route wäre ganz klar staufrei gewesen, weil ich mich da eben auskannte. Nie vergessen werden wir wohl beide, wie wir in unserem Umbrienurlaub vor zwei Jahren nachts – auf dem Weg zu unserem Übernachtungshotel auf der Strecke – die richtige Ausfahrt im italienischen Kreisverkehr verpassten und anschließend orientierungslos und fluchend durchs dunkles Vorstadtgewirr irrten: Er am Steuer, ich mit meinem Smartphone in der Hand Kommandos gebend, wir beide schweißgebadet. Diese Szene wiederholte sich in besagtem Urlaub noch mehrmals, da unser Auto-Navi praktischerweise nur deutsche Strecken abgespeichert hat und das Handy meines Mannes zwar ein GPS-Navi, aber dafür nicht immer Empfang hatte. Ich griff dann bei Bedarf zum dritten Gerät, meinem Smartphone, und holte mir bei Googlemaps teuren Rat (ächz, die Roaminggebühren…)

Was soll ich sagen: Ich verlasse mich eher ungern ausschließlich auf das Navi und schaue mir vorher lieber eine Karte an. Denn was man im Kopf hat… In diesem Sinne: Euch allen stets gute Fahrt!

Das leidige Thema Schule

Drei Beobachtungen zum Thema Schule aus dieser Woche:

Mittwochnachmittag, 15 Uhr:
Gemeinsam mit dem sechsjährigen, nun schulpflichtigen Sohn und der zweijährigen Schwester finde ich mich pünktlich zur Schuleinschreibung in unserer Sprengelschule (ja, so heißt das in Bayern) ein. Wir kennen das Gebäude gut: Der große Bruder ist hier nun bald schon vier Jahre in die Grundschule gegangen. Zahlreiche bekannte Gesichter, wie schön: Im Schulhof, in der Aula, beim Kuchenverkauf des Elternbeirats begrüßen uns Nachbarn.

Wir gehen die Treppe hoch in den ersten Stock, bis zu einem großen Tisch. Sehr freundlich wird mein Sohn dort von einer jungen Lehrerin begrüßt: „Hallo, wer bist denn Du?“ Er presst seinen Namen heraus ohne Bickkontakt, nun ja… Wir erhalten ein Formular und werden gebeten, vor einem Klassenzimmer zu warten. Jetzt wird es meinem Sohn doch etwas mulmig: „Mama, ich WILL eigentlich gar nicht in die Schule…“ sagt er. Wie reagieren? „Mmmh… dann triffst Du auf dem Schulhof doch immer den L.“ (neunjähriger Nachbarssohn und eines seiner Idole, denn der mittlere Sohn will natürlich immer gerne mit den „großen“ Jungs spielen.) Das scheint etwas zu wirken.

Dann öffnet sich die Tür und sein Kindergartenkumpel J. kommt heraus, großes Hallo. Drinnen darf mein Sohn mit einer Lehrerin „Schule“ spielen – was nichts anderes heißt, als dass bestimmte Fähigkeiten abgetestet werden und sein Verhalten auf „Schulfähigkeit bzw. -„untauglichkeit“ bzw. mögliche Probleme gescreent wird. Derweil darf ich (mal wieder) einen Adressbogen ausfüllen und diverse Telefonnummern angeben. Nach rund 10 Minuten erhalten wir einen Bogen, auf dem angekreuzt ist, was ihm anscheinend noch Schwierigkeiten bereitet. „Die Stifthaltung sollten Sie unbedingt mit ihm üben.“ Es werden spezielle Stifte mit ergonomischen Einkerbungen empfohlen, die ich schon ausreichend zuhause liegen habe. „Üben Sie mit ihm vor allem Malen. Er hat auch leichte Probleme, eine Aufgabe zu Ende zu machen. Und beim räumlichen Vorstellunssvermögen gab es auch ein paar Defizite.“ Zack! Das Kind muss also von mir in den nächsten Monaten noch möglichst passend für die Schule gemacht werden. Irgendwie sind meine feierlich-stolzen Gefühle auf einmal weg, die ich kurz hatte („Hach, jetzt kommt er also auch schon in die Schule…“) Auf dem Zettel sind einige Gesellschaftsspiele angekreuzt, die wir zur Übung nun öfters spielen sollen. Langsam dämmert es mir: Da kommt wieder mal ein Haufen Arbeit auf mich zu.

Beim Kuchenverkauf treffen wir dann wieder den Kindergartenkumpel mit seiner Mutter. Ihrem Sohn hatte man Logopädie nahegelegt und bei ihm ebenfalls die Stifthaltung bemängelt. „Lass uns doch was zusammen machen, dann sind sie vielleicht motivierter“, schlägt sie vor. Ich ertappe mich dabei, wei ich begeistert nicke und gleich ein Belohnungssystem mit Aufklebern vorschlage. Wir vereinbaren, dass wir die „Vorschullerngruppe“ abwechselnd bei mir und bei ihr durchführen werden. Na das geht ja schon gut los…

Donnerstagnachmittag, 14 Uhr:
Ich halte (beruflich bedingt) einen Vortrag vor Beamten Bayerischer Staatsministerien. Danach kommt man ins Gespräch, einer davon ist zufällig Studiendirektor in der Staatskanzlei und also auch mit dem Schulthema befasst, außerdem ist er selbst Vater zweier Schulkinder. Der sehr nette Herr will von mir wissen, ob ich beim anstehenden Volksbegehren der Freien Wähler für eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 stimmen werde, was ich klar bejahe. Als ich dann auch noch sage, dass ich sechs gemeinsamen Schuljahren statt der aktuell vier für kindgerechter halte. bricht er in zynisches Gelächter aus. „Das gilt hier doch als Teufelszeug“. Schnell wird klar, dass alle anwesenden Staatsdiener der Meinung sind, dass im bayerischen Schulsystem alles andere als Chancengleichheit herrscht, da immer noch erwartet wird, dass die Eltern zuhause mit ihren Kindern intensiv lernen, was eigentlich nur mit einem überkommenen Rollenmodell funktioniert, bei dem ein Elternteil (wer wohl?) zumindest nachmittags zuhause ist und diesen „Job“ erledigt. Kinder, deren Eltern beide arbeiten (wollen oder eben müssen), oder nicht in der Lage sind, mit ihnen zu lernen, haben da halt das Nachsehen.

Donnerstagabend, 21 Uhr: Alle drei Kinder sind im Bett, nun kann ich mich endlich an den PC setzen und noch die Infos zu Belgien googeln und ausdrucken, die mein ältester Sohn morgen auf ein Infoplakat kleben bzw. schreiben soll. Nach einer halben Stunde halte ich ein dreiseitiges Word-Dokument in Händen mit den wichtigsten Kennzahlen (Bevölkerungszahl, Fläche, Staatsform, Landessprachen etc.), Grafiken der beligschen Flagge, des belgischen Wappens und einer Landkarte. Gute Arbeit, oder? Ich will mich gerade darüber freuen, als ich auf einmal denke: Stopp! Was mache ich da eigentlich? Doch nicht etwas die Hausaufgaben meines Sohnes, weil für eine Internetrecherche heute Nachmittag nicht wirklich auch noch Zeit war, nachdem wir schon eine Stunde damit verbracht hatten, für das Referat bei Karstadt ein farbiges A3-Blatt inklusive Edding und weiteres Schulmaterial einzukaufen? Verkehrte Welt, das muss sofort aufhören! Jetzt aber gute Nacht!

Let the music play!

An anderer Stelle hatte ich hier bereits die grausamen Folgen geschildert, die beim unfreiwilligen Konsum der Machwerke gewissen- und geschmackloser Kindermusikautoren entstehen können. Solche Ohrwürmer können einem den ganzen Tag und wenn‘s blöd läuft auch noch die halbe Nacht versauen, richtig?

Ich habe es ja schon immer geahnt: Was den Musikgeschmack angeht (und natürlich nicht nur das), werden mich meine Kinder im Laufe ihres Heranwachsens wahrscheinlich einmal so richtig nerven. Denn jede Generation setzt sich doch von der anderen irgendwie ab, rebelliert – das ist Naturgesetz! – mit anderer Musik, Kleidung. Egal was, Hauptsache die Erwachsenen finden es doof.

Wobei: Man liest ja immer häufiger in den Medien, dass sich die Alten den Jungen in Sachen Outfit und Lifestyle immer mehr angleichen (Der Fachbegriff: Verlängerte Adoleszenz). Fünfzigjährige tragen heute ganz selbstverständlich dieselben Jeans- und Schuhmarken wie Pubertierende. Mütter leihen sich von ihren Töchtern Klamotten und umgekehrt. Das habe ich auch schon beobachtet, und sicher: Auch ich werde eines hoffentlich noch allzu fernen tages nicht in beige-grauer-Rentneruniform ins Pflegeheim eingeliefert, sondern voraussichtlich in einer H&M-Jeans.

Aber zurück zu meinen Kindern. Es gibt hier nämlich ein zweites Naturgesetz: Es kommt sehr oft anders als man denkt. Manchmal sogar ganz anders… Fest steht jedenfalls: Ich bin jetzt schon richtig geschockt vom Musikgeschmack meines gerade einmal neunjähigen Sohnes! Es ist ein Skandal. Denn haltet euch fest: Er ist neun Jahre alt und hört am liebsten – jetzt kommt‘s – den Lokalradiosender Bayern Drei!!!

Entsetzen, Abscheu, Unglaube – angesichts eines so mediokren, mainstreamigen Musikgeschmacks kann ich meine Gefühle kaum in Worte fassen. (Man muss dazu sagen, dass mein Musikgeschmack ganz sicher nicht repräsentativ für meine Alterklasse Vierzg plus ist, ich bin sozusagen das Paradebeispiel für verlängerte Adolszenz beim Musikkonsum).

Hier ein Auszug aus der Playlist unserer letzten gemeinsamen Autofahrt (die zum Glück nur 20 Mintuen dauerte): Phil Collins – Bon Jovi – dann irgendeine US-amerikanische Mainsstreamhit jüngeren Datums – danach Van Halen mit „Jump“ (ok, hab ich als Kind auch gehört, aber hej, das waren die Achtziger!) das Ganze ständig unterbrochen von zwei Moderatoren, die sich ständig gegenseitig versicherten, dass jetzt Freitagnachmittag sei, die Arbeitswoche deshalb bald zu Ende und man damit also aufs Wochenende zusteuere. Na prima!

Neulich, wir mussten wieder auf Wunsche des Sohnes genau diesen Sender hören, fragte ich nach: Was er denn daran so gut finde? „Die Musik“ kam als Antwort. Und was ich daran nicht gut fände? „Die Musik“, antwortete ich ehrlich. „Und ganz schlimm finde ich das Gerede der Moderatoren.“ „Ich auch“, sagte er. Wenigstens in diesem Punkt sind wir uns also einig. Es besteht also anscheinend noch Hoffnung…

Der eingebildete Kranke

Der älteste Sohn hat seit neuestem ein Waveboard. Er ist damit letzten Sonntagabend nach draußen verschwunden mit den knappen Worten: „Ich geh nochmal auf die Spielstraße.“ Recht so, sie werden halt selbständiger. Eine halbe Stunde später kommt ein weinendes Häuflein Elend mit schmerzverzerrtem Gesicht zurück. Der linke Ellenbogen: Vom Wackelbrett gefallen und abgerollt – nun tut es höllisch weh. Wir versuchen, den Arm zu untersuchen, der Patient wehrt sich theatralisch.

Am nächsten Tag dennoch: Erst mal Schule. Denn morgens saß der Sohn, sich unbeobachtet wähnend, am Schreibtisch und hat ohne Beschwerden Strichmännchen gemalt, wobei er sich auf dem schmerzenden Arm problemlos abstützte. Wir beschließen, die Sache zu beobachten. Zwei Tage später, den Arm hält er permanent in einer Schonhaltung, entschuldige ich ihn in der Schule und setze mich mit ihm vormittags fast drei Stunden in ein volles Wartezimmer einer orthopädischen Praxis. Wir haben altersgemäße Lektüre dabei (die „Drei Fragezeichen“), aber auch nach zwei Stunden weigert sich der Sohn, in dem Buch auch mal selbst zu lesen, anstatt sich die wenigen Bilder darin nur anzuschauen. Stattdessen (in solchen Fällen ist das bei uns erlaubt): Handyspiele – sozusagen bis der Arzt kommt.

Dann endlich: Wir werden aufgerufen! Der Arzt ist Kinderprofi: Mein Sohn darf vormachen, wie es passiert ist und dabei wird klar: Er kann sich ohne Probleme auf dem Arm abstützen. Und nach mehreren Faustschlägen in die Hand des Arztes ist der letzte Zweifel beseitigt: Da kann nichts wehtun. Zur Sicherheit gibt es trotzdem Ultraschall, falls sich irgendwelche Flüssigkeit gebildet hat. Ich versuche, abgeklärt und verstehend zu nicken. Aha, keine Flüssigkeit. Also alle ok! „Das ist wohl doch eher eine imaginäre Krankheit, damit vielleicht ein Eis mehr rausspringt“, konstatiert der Arzt und lächelt freundlich. „Sie haben alles richtig gemacht“, meint er schon fast tröstend, dann gehe ich lächelnd und mich irgendwie bedeppert fühlend aus dem Behandlungszimmer mit meinem Kind.

Mein Sohn hat tatsächlich einfach alle richtig gemacht an diesem Tag: Die Schule geschwänzt, stattdessen vormittags zwei Stunden Handyspiele gemacht, nach dem Arzt direkt zu McDoof, denn das hatte ich ihm im Wartezimmer versprochen, um ihn bei Laune zu halten. Nach dem Schnellimbiss dann noch auf einen Sprung zu Karstadt – um die zwei Euro Taschengeld auf den Kopf zu hauen. Was will man mehr als fast Neunjähriger? Nur dumm, dass morgen wieder Schule ist…

Der Zahn der Zeit

Heute geht es mal um die „großen Leute“, und zwar sogar um mich selbst (räusper). Ich verfüge über „gute Gene“, wie man so schön sagt. Will heißen: Ich sah mit 35 aus wie Ende zwanzig und wenn ich heute sage, dass ich Anfang vierzig bin, höre ich oft ungläubige Ausrufe. Nur: Der Zahn der Zeit macht eben vor keinem und keiner halt, wie auch ich seit kurzem erfahren muss. Früher sah ich mit gewissem Unverständnis auf die Werbung für teure Anti-Faltencremes – braucht man das wirklich? – so mein etwas überheblicher Gedanke damals. Meine Haut war glatt.

Doch seit kurzem verstehe ich die Welt nicht mehr: Mein Blick in den Spiegel trifft seit auf hängende (!) Augenlider (!!) Das kann doch bitteschön nur eine böse Verwechslung sein!!! Schlimmer noch: Auf unseren letzten Urlaubsfotos erkannte ich die ältere Frau mit den dicken Oberarmen und der schlecht sitzenden Frisur erst nicht. Irgendwie hatte sie Ähnlichkeit mit meiner Mutter, aber es konnte doch unmöglich sein, dass ich das war? Tja, war ich leider. Nur erbrachte der spätere Abgleich mit Fotos meiner Mutter im selben Alter die zusätzlich bedrückende Erkenntnis, dass sie damals eine deutlich kleinere Konfektionsgröße trug als ich heute im selben Alter. Ähem.

Ich kann mir immerhin mit stolz geschwellter Mutterbrust zugute halten: Ich habe drei Schwangerschaften hinter mir! Nun ja, das hat Claudia Schiffer zum Beispiel auch. Nur verfügt sie leider höchstwahrscheinlich über einen Ernährungs- und Fitnesscoach, ein unbegrenztes Budget für Wellnessbehandlungen und zur Not sicher auch Schönheits-OPs und eben noch bessere Gene.

Aber zurück zu meinen hängenden Augenlidern (was sonst noch hängt, davon reden wir erst gar nicht). Mein Problem: Ich FÜHLE mich einfach nicht so alt, wie die Person, die ich da im Spiegel sehe, offenbar ist. Was tun? Zu Schönheits-OPs habe ich eine klare Meinung (selbst wenn ich mir das leisten könnte): Nein! An mir wird nur dann rumgeschnipselt, wenn es medizinisch notwendig ist. Da bin ich ganz angsthäslich konservativ. Was bleibt also? In Würde altern, das sagt sich ja so leicht. Aber wie geht das eigentlich, wenn man sich innerlich noch deutlich jünger fühlt, während der Körper unentwegt seinem Verfallsdatum entgegengeht? Ich will natürlich nicht mehr zwanzig sein und bin stolz auf alles, was ich in meine Leben bisher gemacht und kapiert habe. (Obwohl: So Anfang dreißig, mit meiner heutigen Lebenserfahrung, das wäre nicht schlecht 😉 …)

Immerhin: Da ich erst spät Mutter geworden bin, rede ich mir jetzt ein, dass ich das Partyleben vorher ja schon in vollen Zügen genossen habe (also eigentlich nichts mehr verpasse) und jetzt von meinen Kindern jung gehalten werde. Die Wahrheit ist: Ich könnte heute – mit oder ohne Kinder – keine Partynacht mehr durchmachen, da ich danach zwei volle Tage regenerieren müsste und damit arbeitsunfähig wäre. Die Wahrheit ist auch: Meine Kinder sind das totale Fitnessprogramm. Ich erlebe meine eigene Kindheit in Teilen nochmal, indem ich ihre begleiten darf – das hält immerhin geistig jungnd sorgt für viel Bewegung an der frischen Luft. Außerdem gehe ich meist vor Mitternacht ins Bett, stehe früh auf und bin ansonsten meistens am Rödeln. Zu Zeiten als ich „nur“ den ganzen Tag im Büro vor dem Computer saß war mein Body Mass Index sicherlich ungünstiger als heute.

Nun ja, es bleibt halt nur, die Dinge zu genießen, so lange sie da sind. Was habe ich mich als 14jährige über meine damals angeblich dicken Oberschenkel geärgert. Heute wäre ich froh, wenn ich die nochmal hätte. Mein Plan nach der dritten Schwangerschaft war eigentlich, mir endlich mal etwas zu gönnen und auch regelmäßig Sport zu machen. Ich sah mich gedanklich schon im Yogastudio und beim Joggen durch den Park. Pustekuchen! Mit drei Kindern habe ich natürlich noch weniger Zeit für mich als vorher (wer hätte das gedacht) und bin froh, wenn ich es zwischen Haushalt und Job alle zwei Wochen mal zum Joggen schaffe. Eine Sache, die unbedingt erledigt werden muss findet sich ja immer. Mein guter Vorsatz für den Rest des Sommers: Zweimal die Woche Zeit für mich reservieren (zum Joggen oder was auch immer). Oder doch mal die teure Augencreme ausprobieren.

Sauber werden

Irgendwann ist es wirklich soweit, und die Windeln haben ausgedient. Aber bis man endlich den Familienurlaub um einige Windelpakete leichter antreten kann, ist es leider ein oft mühsamer, wenn nicht sogar qualvoller Weg… Aber lest selbst einen Auszug aus meine zum Glück schon einige Jahre alten Leidensprotokoll: (ohne Scheiß, echt wahr!):

15:30 Uhr
Hole meinen dreijährigen Sohn vom Kindergarten ab. Die Erzieherin teilt mir lapidar mit, dass sie ihn zum Pippimachen geschickt habe, anschließend musste sie nicht nur seine Kleider sondern auch noch den ganzen Flur von der Toilette zum Gruppenraum putzen – der braune Horror! Sie überreicht mir mit spitzen Fingern eine Plastiktüte, die ich nicht zu öffnen wage (seine kontaminierten Kleider!). Werde kurz rot und drücke mein Bedauern aus. Versuche sie damit zu trösten, dass es meine Nachbarn neulich noch schlimmer erwischt hat: Nachdem mein Sohn dort auf dem Spieltepich des Nachbarsohnes sein großes Geschäft verrichtet hatte und dies erst verspätet bemerkt wurde, musste ich dort die komplette Dusche putzen – wohin er kurzerhand verfrachtet worden war. Mein Nachbar (Vater zweier Söhne und ebenfalls leidgeprüft) schrubbte derweil auf Knien den Teppich.

17:30 Uhr
Bin gerade mit meinem einjährigen Sohn am Wickeltisch beschäftigt (Komplettwechsel), da höre ich aus dem Wohnzimmer den Älteren rufen: „Kacka am Finger“. Es dauert einige Sekunden, bis die Nachricht in meinem Gehirn ankommt, dann geht alles ganz schnell. Ich schreie „Nicht bewegen!“ und stürze ins Wohnzimmer, das halbnackte Baby auf dem Arm. Der Große sitzt auf dem Sofa (!!), zum Glück in der Windel, die er schon zum Schlafen bekommen hat. Darin ist tatsächlich Kacka, nur leider hat er dies wohl selbst mit seinem Finger überprüft und das Ergebnis auf den Couchtisch geschmiert. Ich bekomme einen Ekel- und Schreianfall, lasse das weinende Baby allein auf dem Teppich zurück und stürze mit dem älteren Bruder ins Bad, wo er eine Komplettreinigung erhält.

20:30 Uhr
Kinder im Bett, endlich Feierabend? Ich will mich gerade erschöpft aufs Sofa sinken lassen – aber nein, da war doch noch was: Ich wage es endlich, die Plastiktüte zu öffnen, die mir die Erzieherin überreicht hat. Beförderer den Inhalt ohne ihn anzusehen in die Waschmaschine und anschließend in den Trockner.

P.S.: Der neuester Spruch meines Sohnes aus dem Kindergarten lautet übrigens: „Hör auf, Kacka!“ Zum Beispiel, wenn ich ihn bitte, anständig zu Essen oder sich anzuziehen. Der braune Horror lauert eben überall.