Der Zahn der Zeit

Heute geht es mal um die „großen Leute“, und zwar sogar um mich selbst (räusper). Ich verfüge über „gute Gene“, wie man so schön sagt. Will heißen: Ich sah mit 35 aus wie Ende zwanzig und wenn ich heute sage, dass ich Anfang vierzig bin, höre ich oft ungläubige Ausrufe. Nur: Der Zahn der Zeit macht eben vor keinem und keiner halt, wie auch ich seit kurzem erfahren muss. Früher sah ich mit gewissem Unverständnis auf die Werbung für teure Anti-Faltencremes – braucht man das wirklich? – so mein etwas überheblicher Gedanke damals. Meine Haut war glatt.

Doch seit kurzem verstehe ich die Welt nicht mehr: Mein Blick in den Spiegel trifft seit auf hängende (!) Augenlider (!!) Das kann doch bitteschön nur eine böse Verwechslung sein!!! Schlimmer noch: Auf unseren letzten Urlaubsfotos erkannte ich die ältere Frau mit den dicken Oberarmen und der schlecht sitzenden Frisur erst nicht. Irgendwie hatte sie Ähnlichkeit mit meiner Mutter, aber es konnte doch unmöglich sein, dass ich das war? Tja, war ich leider. Nur erbrachte der spätere Abgleich mit Fotos meiner Mutter im selben Alter die zusätzlich bedrückende Erkenntnis, dass sie damals eine deutlich kleinere Konfektionsgröße trug als ich heute im selben Alter. Ähem.

Ich kann mir immerhin mit stolz geschwellter Mutterbrust zugute halten: Ich habe drei Schwangerschaften hinter mir! Nun ja, das hat Claudia Schiffer zum Beispiel auch. Nur verfügt sie leider höchstwahrscheinlich über einen Ernährungs- und Fitnesscoach, ein unbegrenztes Budget für Wellnessbehandlungen und zur Not sicher auch Schönheits-OPs und eben noch bessere Gene.

Aber zurück zu meinen hängenden Augenlidern (was sonst noch hängt, davon reden wir erst gar nicht). Mein Problem: Ich FÜHLE mich einfach nicht so alt, wie die Person, die ich da im Spiegel sehe, offenbar ist. Was tun? Zu Schönheits-OPs habe ich eine klare Meinung (selbst wenn ich mir das leisten könnte): Nein! An mir wird nur dann rumgeschnipselt, wenn es medizinisch notwendig ist. Da bin ich ganz angsthäslich konservativ. Was bleibt also? In Würde altern, das sagt sich ja so leicht. Aber wie geht das eigentlich, wenn man sich innerlich noch deutlich jünger fühlt, während der Körper unentwegt seinem Verfallsdatum entgegengeht? Ich will natürlich nicht mehr zwanzig sein und bin stolz auf alles, was ich in meine Leben bisher gemacht und kapiert habe. (Obwohl: So Anfang dreißig, mit meiner heutigen Lebenserfahrung, das wäre nicht schlecht 😉 …)

Immerhin: Da ich erst spät Mutter geworden bin, rede ich mir jetzt ein, dass ich das Partyleben vorher ja schon in vollen Zügen genossen habe (also eigentlich nichts mehr verpasse) und jetzt von meinen Kindern jung gehalten werde. Die Wahrheit ist: Ich könnte heute – mit oder ohne Kinder – keine Partynacht mehr durchmachen, da ich danach zwei volle Tage regenerieren müsste und damit arbeitsunfähig wäre. Die Wahrheit ist auch: Meine Kinder sind das totale Fitnessprogramm. Ich erlebe meine eigene Kindheit in Teilen nochmal, indem ich ihre begleiten darf – das hält immerhin geistig jungnd sorgt für viel Bewegung an der frischen Luft. Außerdem gehe ich meist vor Mitternacht ins Bett, stehe früh auf und bin ansonsten meistens am Rödeln. Zu Zeiten als ich „nur“ den ganzen Tag im Büro vor dem Computer saß war mein Body Mass Index sicherlich ungünstiger als heute.

Nun ja, es bleibt halt nur, die Dinge zu genießen, so lange sie da sind. Was habe ich mich als 14jährige über meine damals angeblich dicken Oberschenkel geärgert. Heute wäre ich froh, wenn ich die nochmal hätte. Mein Plan nach der dritten Schwangerschaft war eigentlich, mir endlich mal etwas zu gönnen und auch regelmäßig Sport zu machen. Ich sah mich gedanklich schon im Yogastudio und beim Joggen durch den Park. Pustekuchen! Mit drei Kindern habe ich natürlich noch weniger Zeit für mich als vorher (wer hätte das gedacht) und bin froh, wenn ich es zwischen Haushalt und Job alle zwei Wochen mal zum Joggen schaffe. Eine Sache, die unbedingt erledigt werden muss findet sich ja immer. Mein guter Vorsatz für den Rest des Sommers: Zweimal die Woche Zeit für mich reservieren (zum Joggen oder was auch immer). Oder doch mal die teure Augencreme ausprobieren.

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