Politische Frühaufklärung

Wir fahren mit dem Auto durch die Innenstadt: Ich am Steuer und hinten meine drei Kinder. Der sechsjährige Sohn meldet sich von hinten: „Mama, was will die Frau da in der Kirche nochmal werden?“ Ich bin zunächst wieder mal ratlos: Wovon redet er? Aber die Erfahrung hat mich gelehrt: Er redet nicht irgendeinen Unsinn sondern meint etwas ganz bestimmtes, wofür ihm aber einfach die richtigen Worte fehlen. Nach einigem Hin- und Her wird dann klar: Er hat ein Plakat der anstehenden Kommunalwahl durchs Autofenster gesehen – in diesem Fall das der Grünen-Kandidatin Sabine Nallinger, die in München derzeit für das Amt als Oberbürgermeisterín kandidiert. Schon vor ein paar Tagen hatte er mich gefragt, warum die Frau und die Männer da auf den Bildern am Straßenrand sind.

Ich erkäre also: Die Frau will Oberbürgermeisterin in unserer Stadt werden (nicht in der Kirche) und macht deshalb Werbung für sich mit dem Plakat. Der ältestes Sohn will nun wissen: „Und was will die dann da machen?“ Jetzt wird es schon schwieriger. Wie erklärt man das Wahlprogramm einer Partei in einem kurzen prägnanten Satz? Ich versuche es: „Also die Grünen wollen vor allem, dass es der Umwelt gut geht.“ Ich muss zu meiner Schande gestehen: Obwohl ich die Partei unlängst sogar gewählt habe, habe ich keinen wirklich profunden Schimmer von ihrem aktuellem Wahlprogramm… aber ganz falsch ist das mit der Umwelt ja nicht.

Da meldet sich von hinten wieder der mittlere Sohn: „Ich würde den da wählen!“. Wir stehen an der roten Ampel, rechts von uns ein Plakat des CSU-Kandidaten. Ich blicke skeptisch auf den abgebildeten Herrn. „Wieso denn, findest Du den nett?“ „Ja“, kommt es knapp von hinten zurück. Der Ältere hakt zum Glück nach: „Und was will der machen?“. Nun ja… jetzt heißt es wirklich, die richtigen Worte zu finden. Ich hole aus zu einem Schlag gegen Patriarchat und Konservatismus. „Also die CSU will zum Beispiel, dass die Frauen vor allem zuhause sind und in der Küche arbeiten.“ OK, das ist etwas überspitzt ausgedrückt, aber nach der Sache mit der Herdprämie haben die bei mir echt verloren.

Ich erkenne leider zu spät, dass ich einen entscheidenden Fehler gemacht habe in meinem stümperhaften Versuch, meine Kinder in ihrer politischen Meinung zu prägen. „Das ist doch gut!“ und „Prima!“ schallt es sofort von hinten. Tja, da habe ich wohl die Perspektive der Zielgruppe nicht angemessen berücksichtigt. Nun muss ich versuchen, mich da herauszulavieren.

Wir fahren derweil in ein Parkhaus ein. Bis das Auto steht muss ich meinem Ältesten noch das Wahlprogramm der SPD („und was wollen die eigentlich?“) in ein- zwei kurzen Sätzen umreißen. Und zum Glück: Beim Stichwort „Arbeiter“ fällt endlich ein entscheidender Groschen. „Ja, die Arbeiter!“ ruft er mit Nachdruck. „Denen geht es so schlecht, wie heißt nochmal die Firma, wo die Fabrik abgebrannt ist?“ Ich weiß sofort was er meint: Ja, die Textilarbeiter in Bangladesch und generell in Asien. Ja, H&M, aber nicht nur die! Das ist in der Tat eine Sache, die das Gerechtigkeitsempfinden meines ältesten Sohnes sehr aktiviert hat und ihn immer noch beschäftigt.

„Die müssen so hart arbeiten und bekommen so wenig dafür. Ich will bei dem Unternehmen nichts mehr kaufen. Da müsste man auf der Straße demonstrieren““ Beschämt blicke ich auf seine H&M-Softshelljacke. Ich antworte: „Noch besser als demonstrieren, ist, wenn man da tatsächlich nichts mehr kauft, das ärgert die viel mehr.“ Er nickt. Genau. Noch ein guter Vorsatz mehr.

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