Der Wunschzettel

Neulich, der neunjährige Nachbarssohn und Freund meines ältesten Sohnes war zu Besuch. Ich saß auf dem Sofa. Er:“Äh, darf ich mal im Internet bei Euch was nachschauen?“ Ich (unwillig): „Was denn?“ Er: „Na, ob der Baukran, tatsächlich so heißt.“ „Welcher Baukran?“ „Na, den ich mir zu Weihnachten gewünscht habe! Der steht auf meinem Wunschzettel, aber wenn ich den da falsch aufgeschrieben habe, dann krieg ich den doch nicht…“

Kerzenlicht und Kinderfragen: Besinnliche Stunden in der Weihnachtszeit

Kerzenlicht und Kinderfragen: Besinnliche Stunden in der Weihnachtszeit

Zugegeben: Ein ernstzunehmendes Problem. Aber ich hatte trotzdem wenig Lust, den Computer anzuschalten, da sich dann sofort, quasi schmeißfliegenartig, alle Kinder dieses Haushalts vor dem Bildschirm versammeln, dort nicht mehr weggehen und hartnäckige Forderungen nach Computerspielen irgendwelcher Art äußern würden. Ich habe da so meine Erfahrungen gemacht.

Ich also (Verständnis vortäuschend): „Ach so. Aber wie sollen wir den denn im Internet finden?“ Er: „Na, wir geben einfach ‚Baukran‘ ein und schauen uns dann alle Links dazu an.“ Super Idee! Eine sehr reizvolle Vorstellung, sich mit zwei Jungs durch geschätzte 1000 Links zum Stichwort Baukran zu klicken und gleichzeitig die bereits erwähnten Forderungen ohne Ermüdungserscheinungen abzuwehren, hüstel… Ich wende mich wieder demonstrativ meiner Zeitung zu, da ich vorhin die kurze Illusion hatte, sie ungestört auf dem Sofa lesen zu können.

Er wieder: „Aber das ist echt schlimm, und zuhause darf ich das doch nicht so, da gibt’s Stress…“ „Wenn Du ins Internet willst?“ (Die scheinen dort das gleich Problem zu haben wie ich hier.) Ich versuche es jetzt mal auf die ganz abgebrühte Art und fange an, dreiste Erwachsenenmärchen zu erzählen. „Also hör mal, wenn der Weihnachtsmann oder äh, das Christkind, das liest, dann wissen die genau, was Du meinst. Die können nämlich Gedanken lesen!“ „Echt?!“

An dieser Stelle durchfährt es mich: Jetzt nur keinen Fehler machen, bei manchen Familien gibt es ja dezidiert keinen Weihanchtsmann, wegen Coca-Cola und bösem Konsum usw. Da kommt dann immer das Christkind. Bei uns übrigens auch, nur vergesse ich das immer wieder und spreche dann aus Versehen wieder vom Weihnachtsmann. Außerdem ist die Frage, ob der Nachbarsjunge wirklich noch an den oder das geschenkebringende Wesen glaubt, ich möchte nämlich kein Kindheitstraumata verursachen und auch nicht der erste sein, der ihn diesbezüglich aufklärt. „Also, wer bringt denn bei Euch die Geschenke?“ „Na, das Christkind oder der Weihnachtsmann oder der Nachbar…“ (Häh? Anscheinend wurden Pakete, die der Nachbar des Nachbarsjungen angenommen hat bereits eindeutig als Weihnachtsgeschenke identifiziert…) Er scheint aber langsam zu kapieren, dass es bei mir auf Granit beißt und der Computer definitv aus bleibt. „Na gut, ist dann wohl doch zu schwierig, das rauszufinden, ich geh dann mal wieder spielen.“

Unser ältester Sohn hat uns übrigens schon vor einem Jahr eiskalt enttarnt: „Ich weiß genau, wer an Weihanchten immer die Geschenke bringt, das macht ihr!“, erkärte er triumphierend. Das hinderte ihn natürlich nicht, auf seinem Wunschzettel für das diesjährige Fest der Liebe als einzigen Punkt zu notieren: Ein Handy. Wenigstens setzt er Schwerpunkte. Der jüngere Bruder war da schon fantasievoller. Er malte (da er noch nicht schreiben kann, vier kryptische Dinge mit Filzstift auf ein DIN A4-Blatt und entzifferte sie mir wie folgt: „Lego, ein Bonbon, ein Adventskalender und ein iPad!“ Na, wenns weiter nichts ist. Frohe Weihnachten!

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