Das leidige Thema Schule

Drei Beobachtungen zum Thema Schule aus dieser Woche:

Mittwochnachmittag, 15 Uhr:
Gemeinsam mit dem sechsjährigen, nun schulpflichtigen Sohn und der zweijährigen Schwester finde ich mich pünktlich zur Schuleinschreibung in unserer Sprengelschule (ja, so heißt das in Bayern) ein. Wir kennen das Gebäude gut: Der große Bruder ist hier nun bald schon vier Jahre in die Grundschule gegangen. Zahlreiche bekannte Gesichter, wie schön: Im Schulhof, in der Aula, beim Kuchenverkauf des Elternbeirats begrüßen uns Nachbarn.

Wir gehen die Treppe hoch in den ersten Stock, bis zu einem großen Tisch. Sehr freundlich wird mein Sohn dort von einer jungen Lehrerin begrüßt: „Hallo, wer bist denn Du?“ Er presst seinen Namen heraus ohne Bickkontakt, nun ja… Wir erhalten ein Formular und werden gebeten, vor einem Klassenzimmer zu warten. Jetzt wird es meinem Sohn doch etwas mulmig: „Mama, ich WILL eigentlich gar nicht in die Schule…“ sagt er. Wie reagieren? „Mmmh… dann triffst Du auf dem Schulhof doch immer den L.“ (neunjähriger Nachbarssohn und eines seiner Idole, denn der mittlere Sohn will natürlich immer gerne mit den „großen“ Jungs spielen.) Das scheint etwas zu wirken.

Dann öffnet sich die Tür und sein Kindergartenkumpel J. kommt heraus, großes Hallo. Drinnen darf mein Sohn mit einer Lehrerin „Schule“ spielen – was nichts anderes heißt, als dass bestimmte Fähigkeiten abgetestet werden und sein Verhalten auf „Schulfähigkeit bzw. -„untauglichkeit“ bzw. mögliche Probleme gescreent wird. Derweil darf ich (mal wieder) einen Adressbogen ausfüllen und diverse Telefonnummern angeben. Nach rund 10 Minuten erhalten wir einen Bogen, auf dem angekreuzt ist, was ihm anscheinend noch Schwierigkeiten bereitet. „Die Stifthaltung sollten Sie unbedingt mit ihm üben.“ Es werden spezielle Stifte mit ergonomischen Einkerbungen empfohlen, die ich schon ausreichend zuhause liegen habe. „Üben Sie mit ihm vor allem Malen. Er hat auch leichte Probleme, eine Aufgabe zu Ende zu machen. Und beim räumlichen Vorstellunssvermögen gab es auch ein paar Defizite.“ Zack! Das Kind muss also von mir in den nächsten Monaten noch möglichst passend für die Schule gemacht werden. Irgendwie sind meine feierlich-stolzen Gefühle auf einmal weg, die ich kurz hatte („Hach, jetzt kommt er also auch schon in die Schule…“) Auf dem Zettel sind einige Gesellschaftsspiele angekreuzt, die wir zur Übung nun öfters spielen sollen. Langsam dämmert es mir: Da kommt wieder mal ein Haufen Arbeit auf mich zu.

Beim Kuchenverkauf treffen wir dann wieder den Kindergartenkumpel mit seiner Mutter. Ihrem Sohn hatte man Logopädie nahegelegt und bei ihm ebenfalls die Stifthaltung bemängelt. „Lass uns doch was zusammen machen, dann sind sie vielleicht motivierter“, schlägt sie vor. Ich ertappe mich dabei, wei ich begeistert nicke und gleich ein Belohnungssystem mit Aufklebern vorschlage. Wir vereinbaren, dass wir die „Vorschullerngruppe“ abwechselnd bei mir und bei ihr durchführen werden. Na das geht ja schon gut los…

Donnerstagnachmittag, 14 Uhr:
Ich halte (beruflich bedingt) einen Vortrag vor Beamten Bayerischer Staatsministerien. Danach kommt man ins Gespräch, einer davon ist zufällig Studiendirektor in der Staatskanzlei und also auch mit dem Schulthema befasst, außerdem ist er selbst Vater zweier Schulkinder. Der sehr nette Herr will von mir wissen, ob ich beim anstehenden Volksbegehren der Freien Wähler für eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 stimmen werde, was ich klar bejahe. Als ich dann auch noch sage, dass ich sechs gemeinsamen Schuljahren statt der aktuell vier für kindgerechter halte. bricht er in zynisches Gelächter aus. „Das gilt hier doch als Teufelszeug“. Schnell wird klar, dass alle anwesenden Staatsdiener der Meinung sind, dass im bayerischen Schulsystem alles andere als Chancengleichheit herrscht, da immer noch erwartet wird, dass die Eltern zuhause mit ihren Kindern intensiv lernen, was eigentlich nur mit einem überkommenen Rollenmodell funktioniert, bei dem ein Elternteil (wer wohl?) zumindest nachmittags zuhause ist und diesen „Job“ erledigt. Kinder, deren Eltern beide arbeiten (wollen oder eben müssen), oder nicht in der Lage sind, mit ihnen zu lernen, haben da halt das Nachsehen.

Donnerstagabend, 21 Uhr: Alle drei Kinder sind im Bett, nun kann ich mich endlich an den PC setzen und noch die Infos zu Belgien googeln und ausdrucken, die mein ältester Sohn morgen auf ein Infoplakat kleben bzw. schreiben soll. Nach einer halben Stunde halte ich ein dreiseitiges Word-Dokument in Händen mit den wichtigsten Kennzahlen (Bevölkerungszahl, Fläche, Staatsform, Landessprachen etc.), Grafiken der beligschen Flagge, des belgischen Wappens und einer Landkarte. Gute Arbeit, oder? Ich will mich gerade darüber freuen, als ich auf einmal denke: Stopp! Was mache ich da eigentlich? Doch nicht etwas die Hausaufgaben meines Sohnes, weil für eine Internetrecherche heute Nachmittag nicht wirklich auch noch Zeit war, nachdem wir schon eine Stunde damit verbracht hatten, für das Referat bei Karstadt ein farbiges A3-Blatt inklusive Edding und weiteres Schulmaterial einzukaufen? Verkehrte Welt, das muss sofort aufhören! Jetzt aber gute Nacht!

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